107 Prozent Deckung ab 2040? Warum die neue Biosprit-Rechnung von BMW trügerisch ist
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Mögliche Biomasse-Quellen für die künftige Produktion von erneuerbarem Kraftstoff.
Eine vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT), dem Deutschen Biomasseforschungszentrum und Freyberger Engineering erstellte Untersuchung im Auftrag von BMW sorgt für Debatten. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass ab 2040 zwischen 67 und 107 Prozent des europäischen Kraftstoffbedarfs im Verkehr durch heimische Biomasse gedeckt werden könnten.
Die Verfasser betonen, dass keine Nahrungsmittelflächen oder Palmölimporte genutzt werden sollen. Stattdessen schlagen sie eine neue Zulassungsklasse für Fahrzeuge vor, die mit klimaneutralen Kraftstoffen betrieben werden (vCNF), was den politischen Forderungen nach einer Aufhebung des EU-Verbrennerverbots ab 2035 entgegenkäme.
Der Rohstoffmix: Frittenöl bleibt eine Randerscheinung
Die Berechnungen stützen sich auf breit gefächerte Reststoffquellen. Den Hauptanteil machen Holz- und Forstprodukte (23,4 Prozent), Stroh (15,7 Prozent), Stamm- und Derbholz (14,7 Prozent) sowie Non-Food-Pflanzen von bisher ungenutzten Flächen (12,5 Prozent) aus.
Tortendiagramm mit den Stoffarten, die als Biomasse für die Spritproduktion infrage kommen
Altspeiseöl (Used Cooking Oil, UCO), das häufig als Basis für HVO100 genannt wird, trägt in der Aufstellung lediglich 1 Prozent bei. Das Potenzial dieser viel diskutierten Quelle ist somit stark limitiert.
Das Rechenmodell basiert auf dem Verbrenner-Rückgang
Der scheinbare Überschuss im Jahr 2040 beruht nicht auf einer steigenden Menge an Biomasse, sondern auf einem drastisch sinkenden Kraftstoffbedarf. Dieser soll laut den Annahmen von 238 bis 247 Megatonnen im Jahr 2030 auf 95 bis 128 Megatonnen im Jahr 2040 fallen.
Grundlage dieser Bedarfsreduktion ist die europäische RED-III-Richtlinie, die ihrerseits das geplante Verbot neuer Verbrennungsmotoren ab 2035 einkalkuliert. Fällt dieses Verbot weg, bliebe der Fahrzeugbestand höher und die prognostizierte Deckung von bis zu 107 Prozent wäre hinfällig.

Tabelle mit den Rohstoffmengen, und den Bedarfen an Biosprit für 2030, 2035 und 2040
Ausfälle beim Wasserstoff erhöhen den Druck
Zusätzlich basieren die EU-Modelle auf der Annahme, bis 2030 jährlich 20 Millionen Tonnen grünen Wasserstoff zu erzeugen oder zu importieren. Branchenberichte wie der Clean Hydrogen Monitor 2025 prognostizieren für 2030 jedoch lediglich eine europäische Produktionsmenge von rund 1,43 Millionen Tonnen.
Bleibt dieser Wasserstoff aus, steigt der Druck auf alternative biogene Energieträger massiv an, da Industrie, Schifffahrt und Luftfahrt darauf ausweichen müssen.
Professor Michael Sterner hält einen Herzkönig in die Kamera
Expertenurteil: Biomasse ist zu wertvoll für den Pkw
Professor Dr. Michael Sterner von der OTH Regensburg stuft die 107-Prozent-Marke als theoretisches Maximalszenario ein. Im Gesamtsystem fehle die Berücksichtigung von Nutzungskonkurrenzen und physikalischer Effizienz.
„Biomasse ist ein kostbares Gut. Während der Pkw-Verkehr effizient elektrifiziert werden kann, haben Luft- und Schifffahrt sowie die chemische Industrie kaum Alternativen zu stofflichen Energieträgern“, betont Sterner. Verbrenner erreichten im Schnitt nur ein Drittel des Wirkungsgrads von Elektroantrieben.
Zudem warnt der Energieexperte vor ökologischen Risiken: Eine intensive Entnahme von Stroh gefährde den Humusaufbau der Böden, während zusätzliche Zwischenfrüchte mehr Dünger und Wasser erfordern. Speicherbare Biomasse und Gase würden primär für die Stromerzeugung bei Dunkelflauten gebraucht, um die Versorgungssicherheit ohne fossile Brennstoffe zu garantieren.



