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39.100 Stellen unbesetzt: Dem deutschen Einzelhandel droht historischer Personalmangel

39.100 Stellen unbesetzt: Dem deutschen Einzelhandel droht historischer Personalmangel Aktuelle News

39.100 Stellen unbesetzt: Dem deutschen Einzelhandel droht historischer Personalmangel

Im deutschen Einzelhandel droht bis zum Jahr 2029 eine massive Personallücke. Laut einer Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) könnten bundesweit rund 39.100 Stellen für Verkäuferinnen und Verkäufer unbesetzt bleiben.

In keinem anderen Berufszweig dürfte der Mangel an qualifizierten Kräften derart stark ausfallen. Studienautor Alexander Burstedde betont, die Auswertung schreibe aktuelle Trends fort und zeige, welche Engpässe entstehen, falls Gegenmaßnahmen ausbleiben.

Warum dem Handel das Personal ausgeht

Mit über 870.000 Beschäftigten ist die Gruppe der Fachkräfte im Verkauf ohne Produktspezialisierung die drittgrößte Berufsgruppe in Deutschland. Hierzu zählen klassische Einzelhandelskaufleute und Fachverkäufer, ausgenommen sind spezialisierte Branchen wie Bäckereien oder Buchhandlungen.

Hauptursache für die wachsende Lücke ist der bevorstehende Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge. Zugleich rückt zu wenig Nachwuchs nach, und auch die Gewinnung von Arbeitskräften aus dem Ausland reicht bislang nicht aus, um die Abgänge auszugleichen.

Gefahr für die Beratungsqualität vor Ort

Der Mangel an Angestellten trifft den stationären Handel zu einem kritischen Zeitpunkt. Durch die Konkurrenz des Online-Handels und eine anhaltende Kaufzurückhaltung geraten klassische Geschäfte zunehmend unter Zugzwang.

„Der Fachkräftemangel im Verkauf führt in erster Linie dazu, dass die Beratungsqualität sinkt“, erklärt Burstedde. Fehlt die kompetente Unterstützung auf der Verkaufsfläche, droht die Abwanderung von Kunden ins Netz.

Ulrike Witt vom Handelsforschungsinstitut EHI sieht im Handel bereits deutliche Qualitätsunterschiede beim Service. Vor allem bei beratungsintensiven Gütern wie Bekleidung, Baumarktartikeln oder Küchen bleibt der direkte Kontakt ein entscheidender Faktor.

Grenzen von Chatbots und Automatisierung

Als Alternative setzen viele Händler auf digitale Werkzeuge und Künstliche Intelligenz. Eine Studie des IFH Köln unter Leitung von Werner Reinartz zeigt jedoch, dass Konsumenten vor dem Kauf weiterhin den direkten Austausch mit Mitarbeitern bevorzugen.

KI-Chatbots können den menschlichen Faktor insbesondere bei komplexen Kaufentscheidungen und Vertrauensfragen bisher nicht gleichwertig ersetzen.

Selbstbedienungskassen und Ausbildungsprobleme

Der Handelsverband Deutschland (HDE) registriert erhebliche Schwierigkeiten bei der Nachwuchsgewinnung. Im Jahr 2025 konnte nur knapp mehr als ein Viertel der Handelsunternehmen alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen.

Um die Ausfälle auf den Flächen zu kompensieren, greift die Branche verstärkt auf Selbstbedienungskassen, vollautomatisierte Verkaufsflächen und digitale Bestellsysteme zurück. Der HDE fordert von der Politik zudem den Ausbau von Kinderbetreuungsangeboten an Samstagen sowie eine Vereinfachung des Zuwanderungsrechts.

Mehr als 700.000 offene Stellen bis 2029

Die Engpässe im Verkauf sind Teil eines branchenübergreifenden Trends. Das IW rechnet bis 2029 mit insgesamt rund 723.000 fehlenden Fachkräften in ganz Deutschland – ein Anstieg um 96 Prozent im Vergleich zu 2025.

Neben dem Verkauf zeichnen sich besonders in folgenden Berufen massive Engpässe ab:

  • Kinderbetreuung und -erziehung: 29.900 offene Stellen
  • Sozialarbeit und -pädagogik: 23.600 offene Stellen
  • Gesundheits- und Krankenpflege: 18.700 offene Stellen
  • Bauelektrik: 17.400 offene Stellen

Ökonom Burstedde mahnt gezielte Schritte an, um Arbeitsanreize zu verbessern und qualifizierte Arbeitskräfte aus EU-Drittstaaten schneller in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren.