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695 Milliarden Tonnen Eis-Zuwachs in 22 Monaten: Warum die Antarktis plötzlich zulegte

Schaubild zum Zusammenhang zwischen tropischer Erwärmung und Schneefall in der Ostantarktis Aktuelle News

Ungewöhnlich warmes Tropenwasser lenkte enorme Feuchtigkeitsmengen direkt in die Ostantarktis.

Die Antarktis verliert seit Jahrzehnten kontinuierlich an Eismasse. Zwischen 2021 und 2023 verzeichneten die GRACE-Satelliten der NASA jedoch eine beispiellose Anomalie: Innerhalb von nur 22 Monaten wuchs der antarktische Eisschild um rund 695 Milliarden Tonnen an.

Es handelt sich um den stärksten kurzzeitigen Massezuwachs der vergangenen zwanzig Jahre. Eine im Fachjournal Nature veröffentlichte Studie zeigt nun, dass der Auslöser dafür Tausende Kilometer entfernt in den Tropen lag.

Fernwirkung aus dem Indopazifik

Zwischen dem westlichen Pazifik und dem östlichen Indischen Ozean erwärmte sich die Meeresoberfläche rund um Indonesien im Schnitt um 0,5 Grad Celsius über die Normalwerte. Diese Meereserwärmung übertrug keine direkte Wärme nach Süden, sondern brachte die globale Zirkulation der Atmosphäre durcheinander.

Durch die Erwärmung entstanden sogenannte Rossby-Wellen in der Atmosphäre. Über der Ostantarktis bildete sich in der Folge ein stabiles Hochdruckgebiet, das in Kombination mit Tiefdruckzonen im Norden wie ein gigantisches Förderband wirkte.

Feuchte Luftmassen aus dem Indischen Ozean wurden über weite Strecken direkt in Richtung des eisigen Kontinents geleitet. Treffen diese atmosphärischen Flüsse auf das antarktische Festland, gefriert die Feuchtigkeit und fällt als dichter Schnee nieder.

470 Milliarden Tonnen Neuschnee im Osten

Der Zuwachs verteilte sich nicht gleichmäßig über den gesamten Kontinent. Während das Eis in der Westantarktis weiter schmolz, konzentrierte sich der Niederschlag auf die Ostantarktis.

Besonders stark betroffen waren Queen Mary Land und Wilkes Land:

695 Milliarden Tonnen Eis-Zuwachs in 22 Monaten: Warum die Antarktis plötzlich zulegte
  • In diesen beiden Regionen stieg der jährliche Niederschlag um etwa 85 Millimeter an.
  • Rund 470 Milliarden Tonnen Eis kamen allein hier hinzu – das entspricht etwa 68 Prozent des gesamten Zuwachses.
  • Drei zentrale Zonen im Indischen Ozean lieferten zusammen etwa 45 Prozent des zusätzlichen Wasserdampfs.

So hängt alles zusammen: Die Erwärmung des tropischen Warmpools verändert die Luftströmungen bis nach Ostantarktika und sorgt dort zeitweise für mehr Schnee und zusätzliche Eismasse. © IOCAS
Zusammenhang zwischen der Erwärmung des tropischen Meeres und den veränderten Luftströmungen Richtung Ostantarktis.

Klimamodelle belegen den tropischen Ursprung

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Chinese Academy of Sciences überprüfte den Mechanismus mit zwei unabhängigen Atmosphärenmodellen. Wurde die Meeresoberfläche im tropischen Warmpool in den Simulationen erwärmt, stellte sich exakt das beobachtete Druckmuster über der Ostantarktis ein.

Klassische Klimamuster erklären das Phänomen nicht

Weder eine La-Niña-Phase im Pazifik noch ein negativer Indische-Ozean-Dipol konnten den extremen Schneefall in den Simulationen rekonstruieren. Laut Erstautor Yunhe Wang handelt es sich um eine bisher wenig beachtete Fernverbindung, die in dieser Intensität etwa einmal pro Jahrzehnt auftritt.

Die Berechnungen ergaben zudem, dass die langfristige globale Erwärmung lediglich für etwa neun Prozent des zusätzlichen Niederschlags verantwortlich war. Mehr als 90 Prozent des Effekts gingen rein auf das spezifische Strömungsmuster zurück.

Keine Trendwende beim Eisverlust

Der Zuwachs von 695 Milliarden Tonnen bremst das langfristige Abschmelzen der Polkappen nicht ab. Zwischen 2003 und 2024 verlor die Antarktis im Schnitt rund 140,5 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr.

Unter den Eisschilden drückt weiterhin wärmeres Tiefenwasser nach, wodurch viele Gletscher von unten her abschmelzen. Der starke Schneefall zwischen 2021 und 2023 wirkte lediglich wie ein temporärer Puffer.