72 Prozent der Väter wollen „bester Freund“ sein: Psychologen warnen vor Erziehungstrend
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Immer mehr Mütter und Väter setzen heute auf partnerschaftliche Nähe statt auf klare Hierarchien.
In deutschen Familien vollzieht sich ein grundlegender Rollenwechsel. Laut der repräsentativen Studie „Familie und Erziehung 2025“ der Pronova BKK wünschen sich fast zwei Drittel aller Eltern, die besten Freunde ihrer Kinder zu sein. Bei den Vätern liegt dieser Anteil sogar bei 72 Prozent.
Feste Vorgaben setzen die wenigsten: Weniger als die Hälfte der Erziehungsberechtigten legt Regeln allein fest, die Mehrheit verhandelt sie mit dem Nachwuchs. Brechen Kinder Absprachen, verzichtet mehr als die Hälfte der Eltern nach einem Gespräch auf Konsequenzen.
Die Freundschaftsfalle: Warum Kinder Führung brauchen
Der niederländische Entwicklungspsychologe Steven Pont beobachtet diesen Wandel seit Langem. Im Gespräch mit dem Sender NPO Radio 1 erklärt er, dass sich die Eltern-Kind-Beziehung seit den 1960er- bis 1980er-Jahren von einem autoritären Modell zu einem partnerschaftlichen Umgang entwickelt hat.
Diese Entwicklung brachte mehr Vertrauen und offenere Gespräche. Pont sieht darin jedoch ein ernstes Problem, wenn Eltern die Rolle von Gleichaltrigen einnehmen: „Was ist, wenn man zwölf ist und sagt: Meine Mutter ist meine beste Freundin?“ Einem Kind fehle in diesem Fall eine erwachsene Bezugsperson, die Orientierung bietet und bei Bedarf Grenzen setzt.
Pont plädiert für einen autoritativen Erziehungsstil. Dieser verbindet emotionale Zuwendung mit klaren Leitplanken, was Kindern insbesondere in der Pubertät Sicherheit vermittelt.
Gefahr durch emotionale Überforderung
Eindringlich warnt Pont vor der sogenannten Parentifizierung. Dabei geraten Kinder – häufig nach Trennungen – in die Rolle eines emotionalen Partners für einen Elternteil.

Wenn Erwachsene Trost und emotionale Entlastung beim Nachwuchs suchen, übernimmt das Kind Aufgaben, die seiner Reife nicht entsprechen. Dass enge Bindung auch ohne Rollenverlust funktioniert, zeigt die niederländische Journalistin Anne Tonen. Obwohl sie mit ihrem Vater öffentlich über persönliche Themen spricht, trennt sie die Ebenen strikt: Für die Rolle der besten Freundin gebe es eine andere Person.
Wunsch nach Harmonie blockiert wichtige Lernerfahrungen
Für die Pronova-BKK-Studie wurden 2.000 Mütter und Väter mit Kindern unter 16 Jahren in Deutschland befragt. Jedes fünfte Elternteil gab an, dem Nachwuchs so gut wie jeden Wunsch zu erfüllen. 60 Prozent der Befragten erlebten ihre eigene Kindheit als autoritär und wollen bewusst einen Gegenentwurf leben.
Die Freiburger Familienpsychologin Nina Grimm warnt davor, aus Angst vor Konflikten jegliche Reibung zu vermeiden. Ob das Abnehmen alltäglicher Hürden oder das Verhindern von Wutanfällen: Wenn Eltern jede Frustration abfedern, nehmen sie Kindern elementare Entwicklungschancen.
„Gleichwertig, aber nicht gleichberechtigt“
Kindern fehlt laut Grimm die kognitive Reife, um alle Konsequenzen eigenständig zu überblicken. Wenn eine Neunjährige ein Smartphone fordert, müssen Eltern den daraus entstehenden Unmut aushalten können.
„Kinder sind gleichwertig. Aber nicht gleichberechtigt“, betont Grimm. Grenzen seien kein Mangel an Liebe, sondern ein emotionales Grundbedürfnis, um faire Konfliktkultur und Kompromissbereitschaft zu erlernen. Eltern seien wichtige Gefährten im Leben ihrer Kinder – aber nicht deren beste Freunde.
