80 Prozent Wahlsiege durch ein Wort: Wie Ulrich Siegmunds Rhetorik psychologisch wirkt
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Ulrich Siegmund, AfD-Fraktionsvorsitzender im Landtag von Sachsen-Anhalt.
Manche Politiker sprechen zu einer anonymen Masse. Andere erzeugen beim Zuhörer das Gefühl eines persönlichen Gesprächs unter vier Augen.
Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, setzt gezielt auf Nahbarkeit. Während der Landesverband vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, pflegt Siegmund im direkten Kontakt einen auffallend zugänglichen, weniger schroffen Ton.
Psychologische Studien erklären, welche Mechanismen hinter dieser rhetorischen Wirkung stehen – völlig unabhängig von der inhaltlichen Richtigkeit seiner Thesen.
Einfache Sätze und konkrete Alltagsbilder
Siegmund greift in Interviews wie im MDR bevorzugt Themen wie Sicherheit, Migration und Wirtschaft auf. Dabei verzichtet er auf abstrakte Fachbegriffe.
Die Forscher Daniel Bischof und Roman Senninger wiesen 2026 in Befragungsexperimenten nach, dass einfache Sprache das politische Verständnis der Bürger deutlich steigert. Ein direkter Einfluss auf die Wahlentscheidung entsteht dadurch zwar nicht automatisch, aber die Kommunikation fühlt sich unmittelbar barrierefrei an.
Gleichzeitig ersetzt Siegmund abstrakte Debatten durch greifbare Szenen. Aus „innerer Sicherheit“ wird die Angst auf dem Heimweg, aus „Sicherheitskosten“ die Betonpoller auf dem Stadtfest.
Experimente zeigen: Menschen stufen konkrete Aussagen eher als wahr ein als abstrakte Schilderungen. Anschaulichkeit ersetzt jedoch keine Fakten. MDR-Faktenchecks belegten bei Siegmunds Aussagen teils zutreffende, teils unbelegte oder falsche Behauptungen.
Das „Wir“-Gefühl und emotionale Trigger
Ein zentrales Werkzeug ist die konsequente Nutzung von Kollektivpronomen. Wer von „wir“, „uns“ und „unser Land“ spricht, stellt sich sprachlich auf dieselbe Stufe wie das Publikum.

Eine Untersuchung von Reden aus allen 43 australischen Parlamentswahlen zwischen 1901 und 2010 ergab: In 80 Prozent der Fälle nutzten die späteren Wahlsieger deutlich mehr „Wir“- und „Uns“-Formulierungen als die Unterlegenen.
Dazu kommt die emotionale Aufladung von Sachthemen. Heimat wird mit Zugehörigkeit verknüpft, Geld mit Existenzangst. Eine Analyse von zwei Millionen Parlamentsreden aus Großbritannien und Irland belegt, dass Politiker bei breiter öffentlicher Aufmerksamkeit gezielt auf emotionale Sprache setzen, um mehr Menschen zu erreichen.
Gegensätze und Scheindialoge
Komplexe Realitäten werden in klare Dualismen übersetzt: Bürger gegen Eliten, früher gegen heute, Problem gegen Lösung. Daten aus über 2,7 Millionen Beiträgen von US-Politikern zeigen, dass Angriffe auf die Gegengruppe über Parteigrenzen hinweg die höchsten Interaktionsraten erzielen.
Ergänzt wird dies durch rhetorische Fragen wie „Wie kann das sein?“. Sie zwingen das Gehirn des Zuhörers zur aktiven Verarbeitung und verwandeln den Monolog für einen Moment in einen gefühlten Dialog.
Authentizität als Verstärker
Siegmund formuliert politische Positionen mit hoher Eindeutigkeit. Anhänger werten dies als Klarheit und Authentizität, Kritiker als unzulässige Verkürzung.
Ein deutsches Online-Experiment mit 1.485 Teilnehmern aus dem Jahr 2025 zeigte, dass zugeschriebene Authentizität die Wahlabsicht messbar beeinflusst. Die rhetorische Schlagkraft entsteht aus der Kombination von einfacher Sprache, Bildhaftigkeit, emotionalem Wir-Gefühl und klarer Abgrenzung.
