82 Prozent aller Stürze bei 27 Prozent Passagieranteil: Behörden warnen vor Ryanairs 61-Zentimeter-Treppe
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Die bordeigenen Treppen an Ryanairs Boeing 737 beschleunigen das Boarding, stehen jedoch wegen hoher Unfallzahlen in der Kritik.
Um die Standzeiten am Boden minimal zu halten, setzt Ryanair bei ihren Boeing 737 auf ein spezielles Ausstattungsmerkmal: eine fest im Rumpf integrierte Treppe an der vorderen Einstiegstür. Statt auf fahrbare Treppen des Bodenpersonals zu warten, klappt die Fluggesellschaft ihre eigene Konstruktion aus. Doch genau dieses Bauteil erweist sich zunehmend als Unfallschwerpunkt.
Italienische Flugsicherheitsbehörde schlägt Alarm
Eine Untersuchung der italienischen Flugsicherheitsbehörde ANSV belegt ein deutlich erhöhtes Unfallrisiko auf den bordeigenen Treppen der Billigfluggesellschaft. Zwischen 2023 und 2025 untersuchten die Ermittler 104 gemeldete Stürze beim Ein- und Aussteigen an italienischen Flughäfen. 85 dieser Fälle – rund 82 Prozent – ereigneten sich auf den integrierten Treppen von Ryanair.
Diese Quote steht in starkem Missverhältnis zum Passagieraufkommen: Die irische Airline beförderte im selben Zeitraum lediglich etwa 26 bis 27 Prozent aller Reisenden an italienischen Airports. Seit 2021 zählte die Fluggesellschaft laut Untersuchungsbericht insgesamt 360 stürzende Fluggäste auf diesen Treppen.
Konstruktion im Fokus: Steil, eng und asymmetrisch
Die von Boeing für die Baureihen 737 NG und 737 Max optional angebotenen „Forward Airstairs“ weichen massiv von standardisierten Flughafentreppen ab. Die gesamte Konstruktion ist lediglich rund 61 Zentimeter breit, während einschlägige Normen für mobiles Flughafenequipment eine Mindestbreite von 100 Zentimetern vorgeben.
Zudem weist die zwölfstufige Treppe einen steilen Neigungswinkel von etwa 35 Grad auf. Die Stufen sind 20 Zentimeter hoch und 25 Zentimeter tief. Eine bauliche Besonderheit verschärft die Situation: Durch die Krümmung des Flugzeugrumpfs ist die oberste Trittfläche trapezförmig geschnitten und unterscheidet sich in den Maßen von den restlichen Stufen.
Boeing meldet keine Probleme bei US-Airlines
Der Flugzeughersteller Boeing äußerte sich Ende 2024 zu den Vorkommnissen. Nach Angaben des Konzerns gebe es in den USA keine Betreiber, die die integrierten Treppen regulär als vollständigen Ersatz für Flughafen-Equipment einsetzen. Gemeldete Zwischenfälle stammten fast ausschließlich von einem einzigen irischen Betreiber.

Passagiere tragen Mitschuld durch fehlenden Handlauf-Griff
Die Unfallberichte zeigen, dass auch Unachtsamkeit und Leichtsinn der Reisenden eine Rolle spielen. Bei mehreren untersuchten Vorfällen trugen Passagiere Taschen in beiden Händen und konnten sich folglich nicht am Geländer festhalten.
In Genua und Venedig führten Ermittler Stürze auf fehlende Handlauf-Nutzung und Ablenkung zurück. Bei einem Unfall in Bologna stürzte ein Reisender mit beidseitigem Gepäck von der dritten Stufe; bei ihm stellten die Behörden zudem einen Blutalkoholwert von 2,34 Promille fest.
Spanische Behörden forderten Umbau
Nicht nur in Italien stehen die Treppen unter Beobachtung. Nach einem Vorfall im Jahr 2024 im spanischen Alicante, bei dem sich ein Passagier beim Aussteigen aus einer Boeing 737 Max 8-200 den Knöchel brach, forderte die spanische Untersuchungsbehörde CIAIAC bauliche Konsequenzen. Boeing solle die Trittflächen vergrößern, Stufenhöhen reduzieren und den Neigungswinkel abflachen.
Ryanair reagierte auf die Kritik mit Anpassungen im Betriebsablauf: Kabinencrews müssen Passagiere seit Juli 2024 mehrsprachig dazu auffordern, den Handlauf zu nutzen. Zudem führte das Unternehmen ein spezielles Trainingsmodul für den Aussteigevorgang ein. Die fest installierten Treppen bleiben damit weiterhin im regulären Einsatz.
