Zum Inhalt springen
On Air Festival

Ameisenköder ausgelegt: Warum nach dem Gift plötzlich 862 Prozent mehr Tiere auftauchen

Unzählige Ameisen strömen zu einer Futterquelle Aktuelle News

Ameisen bewegen sich in großer Zahl zu einer Futterquelle.

Wer Ameisenköder in Küche oder Garage platziert, erwartet das schnelle Verschwinden der Schädlinge. Oft passiert zunächst das Gegenteil: Die Zahl der sichtbaren Tiere auf Fensterbänken und Böden explodiert regelrecht.

Ein Fehlschlag der Bekämpfung ist das nicht zwingend. Bestimmte Wirkstoffe greifen so in das Nervensystem der Insekten ein, dass sie ihr Verhalten drastisch verändern.

Laborversuch an der University of California

Ein Forschungsteam der University of California in Riverside hat diesen Effekt bei Argentinischen Ameisen untersucht. Im Fachjournal Insects analysierten die Wissenschaftler die Reaktionen auf zwei weit verbreitete Wirkstoffe: Thiamethoxam und Borsäure.

Für die Untersuchung beobachtete das Team um Entomologe Dong-Hwan Choe 30 Kolonien mit durchschnittlich 294 Arbeiterinnen und bis zu drei Königinnen. Zehn Gruppen erhielten Zuckerwasser mit 0,00005 Prozent Thiamethoxam, zehn bekamen eine 0,2-prozentige Borsäurelösung, während zehn Kolonien als Kontrollgruppe dienten.

Unzählige Ameisen strömen zu einer Futterquelle
Unzählige Ameisen strömen zu einer Futterquelle.

Die Dosen waren bewusst niedrig angesetzt, damit die Arbeiterinnen das Gift über die Trophallaxis – das gegenseitige Füttern – im gesamten Nest verteilen konnten.

Thiamethoxam treibt Tiere massenhaft ins Freie

Unter dem Einfluss von Thiamethoxam stieg die Aktivität außerhalb des Nestes drastisch an. Vor der Gabe hielten sich im Schnitt 19,9 Tiere im Außenbereich auf, am dritten Tag waren es 191,5 – eine Zunahme um 862,3 Prozent.

Gleichzeitig sank die Ameisendichte im Nestinneren um 36,5 Prozent, die Ansammlungen im Nest gingen um 66,5 Prozent zurück. Der Wirkstoff gehört zu den Neonicotinoiden und überreizt die Nervenzellen der Insekten massiv.

Verändertes Lichtverhalten lockt Insekten an Fenster

Die behandelten Tiere liefen nicht einfach nur mehr Strecke ab, sondern änderten ihre Orientierung. Sie verbrachten 18,5 Prozent mehr Zeit in hellen Arealen und mieden dunkle Bereiche um 13 Prozent häufiger als unbehandelte Artgenossen.

Normalerweise meiden Argentinische Ameisen das Licht. Durch die Nervenstörung zieht es die vergifteten Tiere gezielt an offene, helle Orte wie Fensterbänke, wodurch der Befall für Bewohner plötzlich massiver wirkt.

Borsäure sorgt für gegenteilige Reaktion

Vollkommen anders reagierten die Kolonien auf Borsäure. Hier ging die Aktivität außerhalb der Nester um 56,3 Prozent zurück, während sich die Dichte im Nestinneren um 25,6 Prozent erhöhte.

Borsäure greift den Magen-Darm-Trakt und den Wasserhaushalt an. Die vergifteten Ameisen zogen sich zurück und sammelten sich vor allem in der Nähe der Wasserquellen im Nest.

Sichtbare Aktivität täuscht über Ködererfolg

Für die Praxis bedeutet das: Ein scheinbar verlassener Raum nach dem Einsatz von Borsäure garantiert noch keine getilgte Kolonie. Umgekehrt signalisiert ein plötzlicher Ameisenansturm nach Neonicotinoid-Ködern nicht das Versagen des Mittels, sondern dessen einsetzende neurotoxische Wirkung.