Fast 70 Prozent für die AfD: Ortsbesuch in der Hochburg Schnaudertal
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Fast 70 Prozent für die AfD: Ortsbesuch in der Hochburg Schnaudertal
Ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift „Das letzte Hemd“ hängt am Ortseingang kurz vor der Schweinemastanlage. Es dient als Begrüßung im südlichsten Zipfel von Sachsen-Anhalt.
In der Gemeinde Schnaudertal im Burgenlandkreis holte die AfD fast 70 Prozent der Stimmen. Das ist das höchste Einzelergebnis im gesamten Bundesland.
„Der Himmel ist wieder schön blau“, kommentiert Bürgermeister Hans-Hubert Schulze den Wahlausgang, während er das Gemeindehaus aufschließt. Nach der Auszählung trank er hier mit Mitgliedern des Kegelklubs ein paar Bier auf das Ergebnis.
Alltagssorgen und Angst vor dem Abstieg
Marcel Bergmann arbeitet als Autoverkäufer, hat drei Kinder und baut gerade an seiner Gartenterrasse. Der 38-Jährige blickt mit Sorge auf die wirtschaftliche Entwicklung in der Region.
„Die Kitakosten steigen, die Lebenshaltungskosten steigen, die Spritpreise steigen, und nebenan hat wieder ein Betrieb Insolvenz angemeldet“, erklärt Bergmann. Die Krise der Industrie im Osten und Entwicklungen wie im VW-Werk Zwickau beschäftigen viele Menschen vor Ort.
Eindrücke aus der Gemeinde Schnaudertal im Burgenlandkreis
Es herrscht die Furcht, dass junge Menschen wie nach der Wiedervereinigung erneut abwandern. Zudem fehlt vielen Kommunen in Sachsen-Anhalt, dem statistisch ältesten Bundesland, das Geld für die Sanierung von Straßen und Schulen.
Für den Linienbusfahrer Stanley sind die Straßenverhältnisse tägliche Realität. Der 22-jährige Familienvater steuert seinen Bus regelmäßig vom Bahnhof Zeitz über holprige Strecken in die umliegenden Dörfer.
„Die Spritpreise sind zu hoch, die Steuern sind zu hoch, mit meiner Familie lebe ich von der Hand in den Mund“, berichtet Stanley. Er besuchte kürzlich eine Wahlkampfveranstaltung von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund in Zeitz.
Straßenszene in der Gemeinde Schnaudertal
Stanley fordert, die Infrastruktur instand zu setzen und Rentner besser zu unterstützen. Trotz aller Belastungen will er im Dorf bleiben und verbringt seine Freizeit beim Schrauben an Fahrzeugen.
Kommunaler Frust und Vorwürfe an die Politik
Im Gemeindesaal von Schnaudertal finden regelmäßig Veranstaltungen wie Kostümfeste des Karnevalsvereins oder Kinderfeste statt. Dennoch beklagt die Kommunalpolitik vor Ort mangelnde finanzielle Spielräume.
Klagen gegen Abgaben und wachsende Bürokratie
„Wir haben hier immer was hinbekommen, aber die Bundesregierung, die Landesregierung und die Landkreise nehmen uns aus“, sagt Bürgermeister Hans-Hubert Schulze. Der 72-Jährige vertritt die Freien Wähler und steht der Gemeinde seit 1994 vor.
Schulze klagt regelmäßig vor Gericht gegen Abgaben an übergeordnete Kommunalverbände. Ihn störe die stetig wachsende Bürokratie und Vorschriften aus Berlin: „Uns fehlt hier jede müde Mark.“
Bürgermeister Hans-Hubert Schulze im Gemeindehaus
Auf die Einstufung der AfD durch Sicherheitsbehörden angesprochen, verweist Schulze darauf, dass er keine Radikalen in der Partei vor Ort kenne. Bundespolitische Debatten über Verteidigungsausgaben oder Rüstungsgüter für die Ukraine lehnt er entschieden ab.
Schulze war zu DDR-Zeiten 17 Jahre bei den Grenztruppen und in der SED aktiv, später arbeitete er im Zivilschutz. Heute sieht er ein massives Auseinanderdriften von städtischen Zentren und ländlichen Räumen.
Ortsansicht von Schnaudertal
In Schnaudertal fordern viele Wähler niedrigere Abgaben, geringere Energiekosten und eine stärkere finanzielle Förderung des ländlichen Raums. Das Dorf selbst verfügt über Kindergarten, Schule, Spielplatz und gepflegte Wege – nur der Gasthof existiert nicht mehr.
Marcel Bergmann arbeitet unterdessen weiter an seiner Terrasse. Auf die Frage nach seinen Erwartungen an den politischen Kurs der AfD antwortet er: „Dass es wird, wie es früher einmal war.“




