Felssturz in Graubünden: Wenn 1,5 Millionen Kubikmeter Gestein ins Tal stürzen
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Hochpräzise Radarsysteme überwachen instabile Berghänge im Kanton Graubünden rund um die Uhr.
Geologische Instabilität: Warum Graubünden besonders anfällig für Bergstürze ist
Der Kanton Graubünden bildet das geologische Herz der Schweizer Alpen, geprägt von komplexen tektonischen Überschiebungen und stark zerklüfteten Felsformationen. Durch das Aufeinandertreffen der afrikanischen und eurasischen Kontinentalplatte wurden Gesteinsschichten über Jahrmillionen gestaucht, gefaltet und geschwächt.
Kombiniert mit steilen Trogtälern, die während der letzten Eiszeiten durch Gletscher geformt wurden, fehlt vielen Hangflanken das stützende Widerlager. Lösungsanfällige Gesteine wie Dolomit, Kalkstein und brüchiger Schiefer begünstigen Spaltenbildungen, in die Schmelzwasser eindringt und gefährlichen hydrostatischen Druck aufbaut.
Diese naturräumlichen Gegebenheiten führen dazu, dass Massenbewegungen in Graubünden keine Ausnahmeerscheinungen darstellen. Sie gehören zu einem kontinuierlichen geomorphologischen Prozess, der Siedlungsräume und Verkehrswege permanent herausfordert.
Das Drama von Brienz/Brinzauls: 1,5 Millionen Kubikmeter Schutt verfehlen das Dorf
In der Nacht vom 15. auf den 16. Juni 2023 erreichte die Bedrohung im Albulatal ihren vorläufigen Höhepunkt. Ein riesiges Felsvolumen von schätzungsweise 1,2 bis 1,5 Millionen Kubikmetern löste sich aus dem sogenannten „Insel“-Bereich oberhalb des Bergdorfs Brienz/Brinzauls.
Die Stein- und Schuttmassen donnerten mit Geschwindigkeiten von bis zu 100 Kilometern pro Stunde den Steilhang hinab. Der Schuttstrom begrub die Kantonsstrasse vollständig unter einer meterdicken Geröllschicht und kam nur wenige Meter vor dem alten Schulhaus zum Stillstand.
Das Dorf war bereits Wochen zuvor präventiv geräumt worden, sodass keine Menschenleben zu beklagen waren. Die Bewohner mussten monatelang ausharren, während Geologen die Reststabilität des darüberliegenden Plateaus überprüften.
Die Beschleunigungsphase und die Evakuierung der Talbewohner
Bereits im Mai 2023 verzeichneten die Messgeräte eine dramatische Zunahme der Hangbewegungen von wenigen Zentimetern pro Monat auf mehrere Meter pro Tag. Die zuständige Krisenorganisation der Gemeinde Albula rief daraufhin die Phase Rot aus und sperrte das gesamte Evakuierungsgebiet ab.
Tiere wurden auf benachbarte Weiden verlegt und wertvolles Kulturgut aus der historischen Kirche Saint Calixtus in Sicherheit gebracht. Das Zusammenspiel aus kommunalen Behörden, dem kantonalen Amt für Wald und Naturgefahren sowie wissenschaftlichen Beratern gilt seither als Lehrstück alpiner Krisenprävention.
Die Katastrophe am Piz Cengalo: Die Lehren aus dem Bergsturz von Bondo
Ein noch größeres Ausmaß erreichte die Naturkatastrophe im August 2017 im Bergell. An der Nordostwand des 3.369 Meter hohen Piz Cengalo brachen rund drei Millionen Kubikmeter Granit ab und stürzten in das Val Bondasca.
Das herabstürzende Material traf auf Gletschereis und Wasser, was verheerende Murgänge auslöste. Diese Schlamm- und Geröllwalzen wälzten sich bis in das Dorf Bondo, zerstörten Gebäude und Infrastruktur und kosteten acht Wanderern das Leben.
Bondo verdeutlichte der internationalen Fachwelt die Gefahren von Kaskadeneffekten im Hochgebirge. Ein primärer Felssturz kann im Zusammenwirken mit Sedimenten und Wasser zu extrem mobilen Muren mutieren, die weit entfernte Talsohlen erreichen.
Klimawandel und Permafrost: Der unsichtbare Klebstoff der Alpen schmilzt
Die Zunahme von Fels- und Bergstürzen in Höhenlagen über 2.500 Metern steht in direktem Zusammenhang mit der Erwärmung des alpinen Klimas. Der Permafrost, der Spalten und Klüfte wie ein unsichtbarer Zement zusammenhält, taut in immer tiefere Schichten auf.
Das Schmelzen dieses Eises führt zum Verlust der inneren Reibung im Gebirgskörper. Gleichzeitig verändern sich die Niederschlagsmuster in den Alpen: Häufigere Starkregenereignisse und späte Schneeschmelzen führen zu einem schnellen Anstieg des Porenwasserdrucks in den Felsfugen.
Wissenschaftliche Messungen an Bohrlochstationen in Graubünden belegen, dass die Temperaturen im Felsuntergrund seit Jahrzehnten kontinuierlich steigen. Damit verschiebt sich die Grenze stabiler Felszonen weiter in Richtung der Gipfelregionen.
Hightech-Monitoring: Wie Geologen drohende Abbrüche millimetergenau vorhersagen
Um Gefahren frühzeitig zu erkennen, setzt der Kanton Graubünden auf eine dichte Überwachungsinfrastruktur. Zum Einsatz kommen interferometrische Bodenradarsysteme, die Hangverformungen im Submillimeterbereich erfassen und Veränderungen in Echtzeit visualisieren.
Ergänzt wird das Radar durch automatisierte Tachymeter, reflektierende Prismen an den Felswänden, permanente GNSS-Empfänger und seismische Sensoren. Letztere registrieren Mikrobeben, die dem eigentlichen Bruch des Gesteinsgefüges vorausgehen.
Die kontinuierliche Analyse dieser Datenströme erlaubt es den Experten, Schwellenwerte für Vorwarnstufen exakt zu definieren und Evakuierungen mit minimalem Vorlauf, aber maximaler Sicherheit durchzuführen.
