Zum Inhalt springen
On Air Festival

Gentests vor der Geburt: Das 25.000-Dollar-Versprechen vom „optimierten“ Baby

Labormitarbeiter bei der Untersuchung von genetischem Material im Rahmen einer künstlichen Befruchtung. Aktuelle News

Moderne Labortechnik ermöglicht die Analyse von Embryonen vor einer Implantation.

Selektion statt Zufall: Der Markt für Designer-Embryonen

In den USA wächst ein umstrittener Markt: Start-ups bieten Eltern an, ihre Embryonen vor der Implantation bei einer künstlichen Befruchtung genetisch auf Herz und Nieren prüfen zu lassen. Das Ziel ist nicht nur die Vermeidung von Krankheitsrisiken, sondern die Auswahl nach persönlichen Präferenzen wie Körpergröße oder Intelligenz.

Das Unternehmen Herasight verlangt für die Sequenzierung eines Embryos rund 25.000 Dollar. Das Verfahren, bekannt als polygenes Embryoscreening, untersucht das Erbgut des Embryos, während dieser im Labor tiefgekühlt gelagert wird. Eine Veränderung der Gene findet dabei nicht statt; es handelt sich um eine reine statistische Risikobewertung, auf deren Basis Eltern entscheiden, welcher Embryo in die Gebärmutter eingesetzt werden soll.

Vom Gesundheitsschutz zum Lifestyle-Produkt

Ursprünglich war die Technik dazu gedacht, schwerwiegende Erbkrankheiten auszuschließen. Heute reicht das Spektrum der Anbieter – darunter Genomic Prediction, Orchid, Nucleus Genomics und Herasight – deutlich weiter. Die Analyse umfasst mittlerweile ein breites Spektrum:

  • Medizinische Risiken: Diabetes, Krebs, Demenz, ADHS und Autismus.
  • Physische und kognitive Merkmale: Körpergröße, Body-Mass-Index und Intelligenz.

Die Branche setzt auf zahlungskräftige Klientel. Herasight-Mitgründer Jonathan Anomaly räumte gegenüber dem „Handelsblatt“ ein, dass selbst ein Preis von 50.000 Dollar für unbegrenzte Analysen zu Beginn die Kosten nicht decken konnte. Profitabel ist das Geschäftsmodell bisher für keinen der Akteure; die Hoffnung liegt auf Skaleneffekten durch KI und größere Datenbanken.

Gentests vor der Geburt: Das 25.000-Dollar-Versprechen vom „optimierten“ Baby

Wissenschaftliche Skepsis und ethische Bedenken

Genetiker warnen eindringlich vor einer gefährlichen Lücke zwischen Marketing-Versprechen und wissenschaftlicher Realität. Komplexe Eigenschaften wie Charakter oder Intelligenz sind das Resultat eines unüberschaubaren Zusammenspiels aus tausenden Genen und äußeren Umwelteinflüssen. Selbst Anbieter wie Herasight geben zu, dass Persönlichkeitsmerkmale derzeit kaum belastbar vorhergesagt werden können.

Ein weiteres Problem stellt die Datenbasis dar. Da der Großteil der genetischen Studien auf Daten europäischstämmiger Menschen basiert, sinkt die Aussagekraft der Modelle bei Menschen anderer Herkunft drastisch. Zudem betonen Ethiker, dass die Auswahl von Embryonen eine gefährliche Schwelle zur eugenischen Selektion überschreitet – also dem Versuch, die menschliche Spezies nach vorgefertigten Idealen zu „optimieren“.

Rechtliche Lage in Deutschland

In Deutschland sind solche kommerziellen Angebote nicht möglich. Das Embryonenschutzgesetz setzt der genetischen Untersuchung von Embryonen sehr enge Grenzen und erlaubt sie nur in medizinischen Ausnahmefällen, etwa zur Vermeidung schwerer Erbkrankheiten. Eine rein präferenzbasierte Selektion nach Wunschmerkmalen ist rechtlich untersagt. Wer solche Verfahren dennoch in Anspruch nehmen möchte, muss den Weg ins Ausland gehen.