Zum Inhalt springen
On Air Festival

Jeden Mittwoch von 14 bis 16 Uhr: Edeka führt reizarmen Einkauf in Germering ein

Filialleiter Bashkim Gashi informiert über die Stille Stunde im Supermarkt Aktuelle News

Filialleiter Bashkim Gashi und seine Frau stellen die Aktion für reizarmes Einkaufen vor.

Punkt 14 Uhr schaltet der Edeka-Markt an der Gabriele-Münter-Straße in Germering in einen anderen Modus. Das Deckenlicht wird gedimmt, die Lautsprecher schalten ab und die typische Geräuschkulisse bricht spürbar ein.

Jeden Mittwochnachmittag gilt in der Filiale von Inhaber Bashkim Gashi für zwei Stunden das Konzept der „Stillen Stunde“. Ziel ist ein reizarmes Einkaufserlebnis, das auf überflüssige akustische und visuelle Reize verzichtet.

Pssst, es ist Stille Stunde: Edeka-Leiter Bashkim Gashi und seine Frau werben für zwei ruhigere Einkaufsstunden am Mittwochnachmittag. Dann werden Licht und Geräuschkulisse im Markt reduziert.
Edeka-Leiter Bashkim Gashi und seine Frau werben für zwei ruhigere Einkaufsstunden am Mittwochnachmittag.

Reizreduktion im Markt: Keine Rollis, keine Durchsagen

Während des zweistündigen Fensters wird die Beleuchtung auf das gesetzlich notwendige Minimum reduziert. Neben Musik und Werbedurchsagen pausiert auch die Marktlogistik auf der Verkaufsfläche komplett.

„Wir fahren dann auch keine Rollis mehr. Wir verräumen auch keine Kisten mehr“, erklärt Gashi. Die Initiative entstand direkt aus Anregungen der Kundschaft, die sich zuvor über Lautstärke und helle Beleuchtung beklagt hatte.

Wissenschaftliche Daten zur Reizbelastung

Ein regulärer Supermarkt bündelt zahlreiche Stressfaktoren: flackerndes Licht, Kassenpiepen, Kühlaggregate und Kundenströme. Für neurodivergente Menschen stellt diese Umgebung eine besondere Hürde dar.

Laut einer Meta-Analyse der Vanderbilt University in Nashville weisen rund 41 Prozent der untersuchten autistischen Personen eine herabgesetzte Geräuschtoleranz auf. Forschende der Universitäten Oxford, Reading und York St John ermittelten zudem, dass Supermärkte zu den am stärksten belastenden öffentlichen Räumen für autistische Erwachsene zählen.

Auch bei ADHS belegen Daten veränderte sensorische Filter. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2025 mit über 5.300 Teilnehmenden dokumentiert bei Betroffenen signifikant häufiger eine erhöhte sensorische Empfindlichkeit.

Selbstversuch in der Stillen Stunde: Beim Einkauf in der Käse- und Milchabteilung landet ein Kefir im Korb – begleitet von gedimmtem Licht und deutlich weniger Hintergrundgeräuschen.
Einkauf in der Kühlung bei gedimmtem Licht und reduzierter Geräuschkulisse.

Akustische Kontraste und technische Grenzen

Fällt die Musik weg, treten verbleibende Geräusche deutlich in den Vordergrund. An den Selbstbedienungskassen wirkt das standardmäßige Scangeräusch in der gedämpften Atmosphäre extrem laut; Edeka-Techniker prüfen derzeit eine stärkere Drosselung des Signaltons.

Komplett lautlos ist der Markt dennoch nicht. Kühlregale erzeugen ein Grundsummen, Gespräche an der Bedientheke finden weiterhin statt – wenn auch in merklich leiserem Tonfall, da Kunden ihre eigene Lautstärke ohne Musik schneller wahrnehmen.

Dass die Wahl auf den Mittwoch fiel, ist logistisch begründet: An diesem Nachmittag treffen keine Lieferungen ein, externe Verräumteams sind nicht im Haus und die Kundenfrequenz ist moderat. In Gashis zweitem Standort, einem Edeka Xpress, lässt sich das Projekt technisch noch nicht umsetzen, da die dortigen Lampen nicht dimmbar sind.

Der Testlauf an der Gabriele-Münter-Straße läuft zunächst bis Ende des Jahres. Bei anhaltend hoher Nachfrage plant die Filialleitung, das Zeitfenster um einen zweiten Wochentag zu erweitern.