Merz nennt Ärzte „Nutznießer“ des 500-Milliarden-Systems: Kammer spricht von Affront
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Doris Reinhardt, Vize-Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, im Gespräch.
Eine TV-Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz sorgt in der bundesweiten Ärzteschaft für massive Verärgerung. In der RTL-Sendung „Am Tisch mit Friedrich Merz“ bezeichnete der Kanzler Medizinerinnen und Mediziner als „Nutznießer“ des Gesundheitssystems. Die Landesärztekammer Baden-Württemberg reagierte prompt und stufte die Wortwahl als „Affront“ ein.
Merz verteidigte in der Sendung die beschlossenen Sparmaßnahmen und das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz. Dabei betonte er, dass die ärztlichen Budgets in den vergangenen zehn Jahren um 40 Prozent gestiegen seien. Bei Gesamtausgaben von über 500 Milliarden Euro für das System seien Ärzte direkte Nutznießer, so der CDU-Politiker.
Die Vize-Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, Doris Reinhardt, im Gespräch beim Video-Podcast „Zur Sache! intensiv“.
Scharfe Kritik aus Praxen und Kammern
Die Wortwahl löste bei niedergelassenen Medizinern Unverständnis aus. Die Göppinger Gynäkologin Esther Scherrenbacher zeigte sich schockiert über den Auftritt und sprach in sozialen Netzwerken von einer despektierlichen Haltung gegenüber dem Berufsstand. Die Wertschätzung der Politik gegenüber der täglichen Praxisarbeit bleibe völlig auf der Strecke.
Auch die Landesärztekammer Baden-Württemberg wies die Darstellung zurück. Ärztinnen und Ärzte seien weder verantwortlich für Krankenstände noch für Budgetlöcher, sondern arbeiteten unter extrem anspruchsvollen Bedingungen rund um die Uhr in Kliniken und Praxen.

Krankenkassenkarte und Geld auf einem Tisch.
Umfrage zeigt Frust über Sparpolitik
Der Konflikt schwelt bereits seit Verabschiedung des GKV-Beitragsstabilisierungsgesetzes durch Bundestag und Bundesrat vor der Sommerpause. Die Reform soll die Finanzen der gesetzlichen Krankenversicherung stabilisieren, führt laut Verbandsvertretern jedoch zu Honorarkürzungen und Versorgungsengpässen.
95 Prozent der Praxen befürchten Einschnitte
Die Skepsis unter niedergelassenen Medizinern ist messbar groß. Eine Umfrage des Ärzteverbands MEDI Baden-Württemberg unter 1.782 Praxen ergab alarmierende Zahlen:
- 95 Prozent der befragten Ärzte erwarten eine spürbare Verschlechterung der ambulanten Versorgung für Patienten.
- Ein Großteil der Praxen kündigte aufgrund fehlender Honorare Leistungskürzungen und Serviceeinschränkungen für gesetzlich Versicherte an.
- Parallel formiert sich regionaler Protest: In Karlsruhe demonstrierten kürzlich mehr als 300 Menschen gegen die Sparmaßnahmen im Gesundheitsbereich.
In der TV-Debatte war Merz mit der Kinderärztin Bea Merscher aneinandergeraten, die ihm mangelnde Empathie für Familien und fatale Einschnitte vorwarf. Merz wies die Vorwürfe zurück und betonte, man müsse zur Stabilisierung des Systems alle Beteiligten im Gesundheitswesen in die Pflicht nehmen.


