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Messbare Reaktionen im Gehirn: Warum Placebos selbst ohne Wirkstoff Schmerzen lindern

Symbolbild zur Wirkung von Scheinmedikamenten im Gehirn Aktuelle News

Hirnscans belegen messbare biologische Reaktionen nach der Einnahme von Scheinmedikamenten.

Der Placeboeffekt wird in der Medizin oft missverstanden und fälschlicherweise als reine Einbildung abgetan. Aktuelle neurologische Untersuchungen belegen jedoch das Gegenteil: Scheinbehandlungen ohne pharmakologische Wirkstoffe setzen nachweisbare biologische Reaktionen im menschlichen Körper in Gang.

Erwartungshaltungen, Vertrauen und psychologische Faktoren lösen reale physiologische Prozesse aus. Dr. med. Mimoun Azizi, Facharzt für Neurologie und Chefarzt des Zentrums für Geriatrie und Neurogeriatrie im KVSW, ordnet die Mechanismen dieser Reaktionen ein.

Biochemische Kettenreaktion im Nervensystem

Nimmt ein Patient ein Präparat in der Erwartung einer Besserung ein, schüttet das Gehirn zielgerichtet körpereigene Botenstoffe aus. Dazu zählen vor allem Endorphine, die an denselben Rezeptoren andocken wie synthetische Schmerzmittel.

Moderne Bildgebungsverfahren wie funktionelle Hirnscans machen diese Vorgänge sichtbar. Regionen für Schmerzverarbeitung, Emotionsregulation und Motivation verändern bei einer Placebo-Reaktion nachweisbar ihre Aktivität.

Einsatzfelder bei chronischen und akuten Leiden

Die stärkste Wirksamkeit zeigen Placebos in der Schmerztherapie. Belastbare Nachweise existieren unter anderem bei chronischen Rückenschmerzen, Arthrose, Fibromyalgie, Nervenschmerzen sowie akuten Schmerzen nach operativen Eingriffen.

Auch bei neurologischen und psychiatrischen Krankheitsbildern wie Depressionen, Angststörungen oder Morbus Parkinson beeinflusst die Erwartungshaltung die Intensität der Symptome massiv.

Messbare Reaktionen im Gehirn: Warum Placebos selbst ohne Wirkstoff Schmerzen lindern

Nachweisbare Parameter im Organismus

Die Effekte beschränken sich keineswegs auf das subjektive Empfinden der Patienten. Laboruntersuchungen dokumentieren konkrete körperliche Veränderungen:

  • Regulierung des Stresshormons Cortisol im Blut
  • Freisetzung schmerzhemmender Neurotransmitter
  • Dämpfung vegetativer Nervenaktivität
  • Messbare Reduktion bestimmter Entzündungsmarker

Wirkung ganz ohne Täuschung: Das Open-Label-Prinzip

Lange galt die Annahme, ein Placebo funktioniere nur, wenn der Patient über den fehlenden Wirkstoff im Unklaren gelassen wird. Studien zu sogenannten Open-Label-Placebos widerlegen dies.

Patienten verzeichnen auch dann signifikante Besserungen, wenn ihnen vorab transparent erklärt wird, dass sie eine wirkstofffreie Substanz einnehmen. Allein das Wissen um die Selbstregulationskräfte des Organismus genügt oft, um die biochemische Reaktion auszulösen.

Die Kehrseite: Der Noceboeffekt

Erwartungshaltungen können Prozesse auch in die entgegengesetzte Richtung lenken. Rechnet ein Patient fest mit Nebenwirkungen oder hegt ausgeprägte Ängste vor einer Therapie, treten unerwünschte Symptome signifikant häufiger auf.

Für die medizinische Praxis unterstreichen diese Erkenntnisse den Stellenwert einer transparenten Arzt-Patienten-Kommunikation, die aufklärt, ohne unbegründete Ängste zu schüren.