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Neonazi-Szene der 1990er: Die Vergangenheit von Grünen-Mitarbeiter David Seidlitz

David Begrich von Miteinander e.V. in Magdeburg Aktuelle News

David Begrich analysiert seit vielen Jahren rechtsextreme Netzwerke in Sachsen-Anhalt.

Der Ehemann der Grünen-Spitzenkandidatin für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, David Seidlitz, war in den 1990er-Jahren in der regionalen Neonazi-Szene aktiv. Das belegen Berichte aus jener Zeit, unter anderem aus dem „Antifaschistischen Infoblatt“ von 1995.

Damals agierte der heute 50-Jährige im Raum Quedlinburg in einer Gruppierung namens „Unabhängiger Arbeitskreis“. Heute arbeitet Seidlitz für die Grünen in Sachsen-Anhalt und hat sich juristisch per eidesstattlicher Versicherung von der Szene distanziert.

Die 1990er-Jahre: Quedlinburg als rechtsextreme Hochburg

Nach der Wiedervereinigung entwickelte sich Quedlinburg zu einem Brennpunkt des ostdeutschen Rechtsextremismus. Maßgeblich vorangetrieben wurde diese Entwicklung durch den Zuzug des niedersächsischen Neonazi-Kaders Steffen Hupka.

Hupka versuchte gezielt, gewaltbereite Jugendliche der Nachwendezeit ideologisch zu schulen und organisatorisch einzubinden. Aus dieser Struktur heraus agierten Gruppen unter wechselnden Namen, um Verbote zu umgehen und gleichzeitig Präsenz zu markieren.

Die damalige Phase war vielerorts von rassistischer Gewalt geprägt. Im Jahr 1992 kam es in Quedlinburg zu einem organisierten Angriff auf eine Asylbewerberunterkunft, der von Teilen der lokalen Bevölkerung geduldet oder unterstützt wurde.

Rechtsextremismusexperte David Begrich vom Magdeburger Verein „Miteinander e.V.“ beschreibt die damalige Szene als prägende Jugendkultur. In einem gesellschaftlichen Vakuum boten die rechtsextremen Kader Orientierung, Gemeinschaft und eine feste Lebenswelt.

Neonazi-Szene der 1990er: Die Vergangenheit von Grünen-Mitarbeiter David Seidlitz

Der Ausstieg und die Arbeit bei den Grünen

David Seidlitz hat in einem Gerichtsverfahren an Eides statt erklärt, sich bereits in den 1990er-Jahren vollständig von der Szene und deren Ideologie gelöst zu haben. Jeglicher Kontakt zu damaligen Akteuren sei seitdem abgebrochen.

Seine Ehefrau, die Grünen-Politikerin Suse Sziborra-Seidlitz, thematisierte die Vergangenheit ihres Mannes bereits vor Jahren im Landtag von Sachsen-Anhalt. Sie bezeichnete ihn dort als gewandelten Menschen und Demokraten.

Experteneinschätzung: Warum ein radikaler Bruch selten ist

Dass die Personalie im Wahlkampf erneut durch rechte Medien aufgegriffen wird, bewertet David Begrich als durchschaubare Kampagne. Der Vorgang sei seit Jahren bekannt und enthalte keine neuen Fakten.

Ein echter weltanschaulicher Bruch, wie ihn Seidlitz vollzogen hat, bleibt laut Begrich dennoch ein Ausnahmefall. Die meisten ehemaligen Akteure der 1990er-Jahre zogen sich nach fünf bis sieben Jahren schlicht ins Privatleben zurück, ohne ihre Einstellungen zwingend zu revidieren.

Ein glaubhafter Ausstieg erfordere neben dem Kontaktabbruch vor allem eine tiefgehende, selbstkritische Reflexion der eigenen Rolle und der rassistischen Denkmuster. Diesen Prozess gesteht Begrich dem heutigen Grünen-Mitarbeiter zu.