Zum Inhalt springen
On Air Festival

Über 200 Vermisste in den Alpen: Warum die Gletscherschmelze jahrzehntealte Rätsel löst

Rettungshubschrauber der Bergrettung im Einsatz über verschneiten Alpengipfeln Aktuelle News

Alpine Rettungskräfte suchen im hochalpinen Gelände nach vermissten Bergsteigern und Wanderern.

Statistische Realität: Wie viele Menschen im Alpenraum verschwinden

Jedes Jahr rücken alpine Rettungskräfte in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich und Italien zu zehntausenden Einsätzen aus. Während die überwiegende Mehrheit der Bergnotfälle rasch lokalisiert wird, bleiben jährlich Dutzende Bergsteiger und Wanderer spurlos verschwunden.

In der Schweiz listet die Kantonspolizei Wallis kontinuierlich eine Liste von vermissten Personen seit 1925, auf der aktuell mehr als 180 ungeklärte Fälle geführt werden. Im gesamten Alpenbogen summiert sich die Zahl der seit dem Zweiten Weltkrieg unentdeckt gebliebenen Alpinisten auf mehrere hundert Personen.

Ein Großteil dieser Fälle betrifft Gletschergebiete, schwer zugängliche Steilwände oder dichte Bergwaldzonen abseits markierter Routen. Trotz modernster Ortungsmethoden entscheidet das alpine Terrain oft über den Erfolg einer Nachsuche innerhalb der ersten 48 Stunden.

Die Hauptursachen für das spurlose Verschwinden im Hochgebirge

Das spurlose Verschwinden im alpinen Raum unterscheidet sich grundlegend von Vermisstenfällen im Flachland. Oft reicht eine Verkettung kleiner Fehleinschätzungen, um Alpinisten aus dem Aktionsradius der Rettungsdienste zu katapultieren.

Zu den häufigsten Unfallmechanismen zählen ungesicherte Stürze in Randklüfte und Gletscherspalten. Fällt eine Person in eine schneebedeckte Spalte, schließt sich die Schneebrücke über ihr häufig wieder, wodurch visuelle Hinweise für Suchtrupps aus der Luft vollständig fehlen.

Ein weiterer Faktor sind plötzliche Wetterumschwünge mit einhergehendem „Whiteout“. Die vollständige Desorientierung führt dazu, dass Wanderer von Standardrouten abkommen und in absturzgefährdetes Steilgelände geraten, das von Suchmannschaften erst spät priorisiert wird.

Moderne Ortungstechnik im alpinen Rettungseinsatz

Die Bergrettungsorganisationen – darunter die Bergwacht Bayern, der Österreichische Bergrettungsdienst (ÖBRD) und die Schweizer Rega – setzen heute auf hochentwickelte Sensorik, um Vermisste selbst unter extremen Bedingungen aufzuspüren.

Besonders bei Lawinenabgängen und unklaren Suchkorridoren entscheidet die technische Ausstattung über Leben und Tod der Betroffenen.

Sensoren, Drohnen und IMSI-Catcher

Drohnen mit hochauflösenden Wärmebildkameras fliegen vordefinierte Raster über felsigen Hängen ab. Diese Systeme erkennen Temperaturunterschiede selbst dann, wenn eine verunglückte Person in einer Felsspalte liegt oder durch Steinschlag teilweise verdeckt ist.

Ein Meilenstein in der Vermisstensuche ist das RECCO-SAR-System. Der am Hubschrauber montierte Detektor scannt innerhalb von sechs Minuten eine Fläche von rund einem Quadratkilometer nach passiven Reflektoren ab, die in vielen modernen Bergsportbekleidungen integriert sind.

Mobilfunkbasierte Suchsysteme wie sogenannte IMSI-Catcher ermöglichen es Rettungsteams zudem, eingeschaltete Smartphones Vermisster auch ohne bestehende Netzabdeckung aus der Luft anzupeilen und zentimetergenau zu lokalisieren.

Gletscherschmelze als forensisches Zeitfenster

Der fortschreitende Rückgang der Alpengletscher führt in den letzten Jahren vermehrt dazu, dass Jahrzehnte alte Vermisstenfälle unerwartet aufgeklärt werden. Das Eis, das Körper und Ausrüstung über Generationen konservierte, gibt diese nun schrittweise frei.

Am Theodulgletscher bei Zermatt wurden im Sommer 2023 die sterblichen Überreste eines seit 1986 vermissten deutschen Alpinisten entdeckt. Der DNA-Abgleich mit Angehörigen brachte nach fast vier Jahrzehnten Gewissheit.

Bereits 2017 fand man auf dem Tsanfleurongletscher ein seit 1942 verschollenes Ehepaar, dessen Ausrüstung und Kleidung durch die Kälte nahezu unversehrt erhalten geblieben waren. Die Bergbehörden der Alpenländer unterhalten inzwischen standardisierte forensische Protokolle für derartige Funde.

Rechtliche Konsequenzen und das Verschollenheitsgesetz

Verschwindet eine Person im Hochgebirge ohne Bergung des Leichnams, stellt dies Angehörige vor immense bürokratische und finanzielle Hürden. In Deutschland regelt das Verschollenheitsgesetz (VerschG) die Bedingungen für eine gerichtliche Todeserklärung.

Nach § 7 VerschG gilt für Gefahrenverschollene – wozu Bergunfälle unter lebensgefährlichen Umständen zählen – eine verkürzte Frist. Das Verfahren zur Todeserklärung kann in solchen Fällen bereits ein Jahr nach Beendigung der Gefahr eingeleitet werden, anstatt der regulären Zehnjahresfrist.

Zudem tragen Alpinisten ohne entsprechende Zusatzversicherung ein enormes Kostenrisiko. Großangelegte Suchaktionen mit mehreren Hubschraubern, Hundestaffeln und Hunderten Einsatzkräften kosten schnell fünfstellige Summen, die von gesetzlichen Krankenkassen bei reinen Such- und Bergungsflügen in der Regel nicht übernommen werden.

Präventive Maßnahmen zur Risikominimierung

Die Chance auf eine erfolgreiche Rettung steigt drastisch, wenn elementare Meldeketten vor Antritt einer Tour etabliert werden. Die Registrierung im Hüttenbuch und die genaue Information an Dritte über Route, Notabstieg und Zeitfenster bleiben unverzichtbar.

Zwei-Wege-Satellitenkommunikatoren wie Garmin inReach oder Spot ermöglichen das Absetzen von Notrufen mit exakten GPS-Koordinaten auch in Tälern ohne Mobilfunkempfang. Diese Geräte senden permanente Tracking-Punkte, wodurch Suchmannschaften im Ernstfall nicht das gesamte Gebirgsmassiv, sondern eine präzise Linie absuchen können.

Spezifische Smartphone-Anwendungen wie die Rega-App in der Schweiz oder die SOS-EU-ALP-App in Tirol und Bayern übermitteln bei Betätigung des Notrufs unmittelbar Standort- und Akkudaten direkt an die zuständige Landesleitzentrale.