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Über 70 Prozent vor Bildschirmen: Meta-Analyse zeigt Entwicklungsrisiken bei Zweijährigen

Ein zweijähriges Mädchen Aktuelle News

Ein zweijähriges Mädchen schaut auf ein digitales Gerät.

Das Smartphone im Restaurant oder das Tablet im Zug gelten vielen Eltern als schnelle Lösung gegen Quengeln. Eine internationale Meta-Analyse zeigt nun das Ausmaß dieser Praxis und warnt vor gesundheitlichen Folgen für die frühkindliche Entwicklung.

Ein zweijähriges Mädchen
Ein zweijähriges Mädchen

Die Untersuchung der Forschungsgruppe iADDICT, an der vier britische Universitäten beteiligt waren, wurde im Auftrag der britischen 1001 Critical Days Foundation durchgeführt. Die Auswertung tausender Studien und Befragungen ergab, dass mehr als 70 Prozent der Babys und Kleinkinder unter zwei Jahren regelmäßig digitale Medien nutzen.

Einige Kinder verbringen laut der Erhebung bis zu acht Stunden täglich vor Bildschirmen. Jedes zehnte Baby schläft zudem regelmäßig vor einem Display ein.

Daten aus Deutschland bestätigen den Trend

Auch in Deutschland ist der frühe Medienkonsum verbreitet. Bereits die 2018 veröffentlichte BLIKK-Medienstudie belegte, dass fast jedes vierte Kind unter zwei Jahren täglich mehr als 30 Minuten Bildschirmmedien konsumiert.

Paula Bleckmann, Professorin für Medienpädagogik an der Alanus Hochschule, warnt vor den Folgen für das Gehirn. Kleinkinder bräuchten reale Sinneseindrücke und den direkten Kontakt zu Bezugspersonen als Motor für das neuronale Wachstum in den ersten drei Lebensjahren.

Körperliche und kognitive Beeinträchtigungen

Die iADDICT-Analyse verknüpft einen hohen Konsum digitaler Medien bei Kleinkindern mit messbaren Nachteilen. Dazu zählen ein erhöhtes Risiko für Kurzsichtigkeit, Übergewicht, Ein- und Durchschlafprobleme sowie Verzögerungen beim Spracherwerb.

Bleckmann weist zudem auf Defizite bei der Impuls- und Gefühlsregulation, Konzentrationsprobleme sowie eine Verringerung der Empathie hin. Dient das Gerät als Belohnung oder digitaler Babysitter, werde die Entwicklung einer eigenständigen Selbstregulation erschwert.

Elternrolle und Überlastung im Alltag

Silke Schwarz, Kinderärztin und Leiterin der deutschen Studie „Bildschirmfrei bis 3“ an der Universität Witten/Herdecke, sieht den Einsatz oft in Überforderung begründet. Smartphones würden häufig gezielt genutzt, um Kinder in Wartesituationen ruhigzustellen.

Fast zwei Drittel der von iADDICT befragten Eltern äußerten Besorgnis über ihre eigene Handynutzung, während über 50 Prozent das Verhalten ihres Kindes als problematisch einstuften. Viele Mütter und Väter gaben an, Medien als Werkzeug gegen die eigene Erschöpfung einzusetzen.

Familienberaterin Heike vom Heede betont den Vorbildcharakter der Erwachsenen. Wenn Eltern ständig auf Displays blicken, fehle Kindern die Ansprache, was zu Passivität führe und kreatives Spiel blockiere.

Frühzeitige Beratung zeigt Wirkung

Die Forschungsgruppe iADDICT verweist auf präventive Ansätze: Bereits Aufklärungsgespräche in der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt können die spätere Bildschirmzeit senken und die Schlafqualität der Kinder verbessern.

Insbesondere der Verzicht auf Displays unmittelbar vor dem Einschlafen verringere Entwicklungsrisiken messbar. Medizinerin Schwarz fordert deshalb, Medienerziehung fest in Geburtsvorbereitungskurse zu integrieren.