Vom Kabeljau zur Krake: Wie der Klimawandel die Nordsee umkrempelt
Aktuelle News
Kabeljau in den Netzen.
Wo früher traditionell Kabeljau und Krabben die Netze füllten, hat sich das Bild der Nordsee-Fischerei grundlegend gewandelt. Belgische und zunehmend auch deutsche Fischer ziehen heute tonnenweise Kraken und Kalmare aus dem Wasser. Ursache für diesen massiven Wandel ist die schleichende Erwärmung des Meeres.
Hans Polet, wissenschaftlicher Direktor am flämischen Institut für Landwirtschafts- und Fischereiforschung (Ilvo), beziffert den Anstieg der Wassertemperaturen im südlichen Teil der Nordsee auf rund vier Grad innerhalb der letzten 100 Jahre. Für die Biologie der Kraken ist das entscheidend: Ihre Eier benötigen Temperaturen zwischen neun und elf Grad, um erfolgreich zu schlüpfen. Früher war es hier schlicht zu kalt; heute überleben die Gelege in hoher Zahl.
Kabeljau in den Netzen.
Ein rasanter Wandel in den Fangquoten
Die Geschwindigkeit der Veränderung überrascht selbst Branchenkenner. Tom Premereur, Direktor der Flämischen Fischauktion, betont, dass noch vor etwa neun Jahren praktisch keine Tintenfische angelandet wurden. Heute bilden sie den Großteil der Fänge. Auch große Kraken, die früher eine absolute Seltenheit waren, tauchen seit zwei Jahren regelmäßig auf.
Die aktuelle Statistik unterstreicht den Trend: Kopffüßer machen mittlerweile mehr als ein Fünftel der gesamten Fangmenge der flämischen Seefischerei aus. Auch in Deutschland spiegelt sich diese Entwicklung wider. Laut Daniel Oesterwind vom Thünen-Institut für Ostseefischerei erwirtschaftete die deutsche bodennahe Schleppnetzfischerei im Jahr 2024 bereits 20 bis 21 Prozent ihres Umsatzes mit Tintenfischen – 2020 lag dieser Wert noch bei gerade einmal einem Prozent.

Ökologisches Ungleichgewicht
Die Ausbreitung der Kopffüßer geht mit einem dramatischen Rückgang klassischer Arten einher. Der Kabeljau, einstiger „König“ der Nordseefischerei, findet in den wärmeren Gewässern immer schlechtere Bedingungen für seine Fortpflanzung. Während der Bestand in den 1970er-Jahren noch rund 270.000 Tonnen umfasste, sank er bis 2006 auf 44.000 Tonnen und erholt sich seitdem nur mühsam.
Experten wie Stefan Neuenfeldt vom dänischen Nationalen Institut für aquatische Ressourcen betonen, dass die Ursachen für diesen Kollaps komplex sind. Neben der Erwärmung spielen veränderte Nahrungsnetze eine zentrale Rolle. Da die Kraken gefräßig sind und beinahe alles erbeuten, was sie überwältigen können, haben sie eine neue Schlüsselrolle im Ökosystem eingenommen. Die Fischerei steht nun vor der Herausforderung, ein nachhaltiges Management für diese neue Realität zu entwickeln.
Kurz erklärt: Die Kopffüßer der Nordsee
- Krake/Oktopus: Acht Arme, kein Skelett, ein weicher, runder Körper. Gilt als sehr intelligent.
- Sepia: Acht Arme und zwei längere Fangtentakel. Besitzt einen flachen Körper mit einem harten, porösen Knochen.
- Kalmar: Acht Arme und zwei längere Fangtentakel. Schlanker Körperbau mit dreieckigen oder rhombischen Flossen am Ende. Ist ein sehr schneller Schwimmer.
Der Markt hat sich bereits auf die Veränderung eingestellt. Die Nachfrage ist stark, und ein Großteil der Fänge wird in den Mittelmeerraum exportiert, wo eigene Bestände aufgrund von Überfischung eingebrochen sind.

