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Vom Nachbarschaftskrieg zum Dialog: Wie eine Münchner Initiative Gräben überbrückt

Blick in eine Diskussionsrunde der Initiative Dialog am Birnbaum in einem Gemeindesaal. Aktuelle News

Anwohner der Unteren Au erarbeiten gemeinsam Entwürfe für die Neugestaltung ihres Viertels.

Als in der Münchner „Unteren Au“ die Stimmung kippte und symbolisch die Eier flogen, wurde den Anwohnern klar: Die Polarisierung im eigenen Viertel war nicht mehr tragbar. Statt weiter zu konfrontieren, begannen sie, miteinander zu sprechen.

Heute treffen sich 15 Anwohner regelmäßig im Gemeindesaal der Lutherkirche. Ihr Ziel: Die Umgestaltung des Schlotthauerplatzes. Unterstützt von Moderatoren, arbeiten sie an einer grüneren, klimafreundlicheren Zukunft für ihren Lebensraum. Die Initiative „Dialog am Birnbaum“ hat diesen Prozess angestoßen.

Ein zäher Prozess der Annäherung

Die Stimmung ist meist entspannt, doch bei Themen wie dem Wegfall von Ersatzparkplätzen prallen Welten aufeinander. Otti Bews, 70, lehnt den Status quo des Autos im Stadtkern entschieden ab. Will Kußmaul hingegen betont die Abhängigkeit vieler Anwohner vom Pkw und zeigt sich skeptisch gegenüber Carsharing-Lösungen.

Einen direkten Kompromiss finden die beiden nicht. Doch der entscheidende Fortschritt bleibt: Sie sitzen an einem Tisch. Noch vor einem Jahr wäre ein solcher Austausch undenkbar gewesen.

Die Vorgeschichte: Wenn Projekte spalten

Der Konflikt in der Unteren Au eskalierte 2023 durch das Modellprojekt „aqt“ (Autoreduzierte Quartiere für eine lebenswerte Stadt). Ziel der TU München war es, Verkehrsflächen temporär in Aufenthaltsräume umzuwandeln. Die Umsetzung schürte jedoch Ängste vor Bevormundung, Lärm und Parkplatznot.

Nachdem Anwohner gegen das Projekt klagten und ein Vergleich zur vorzeitigen Räumung führte, blieb vor allem eins zurück: Missmut. Genau hier setzte die Gruppe um die Künstlerin Katalin Marghescu an, um bei der nächsten Planung des Schlotthauerplatzes alle Perspektiven einzubeziehen.

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Bürgerbeteiligung als Lernprozess

Die Initiative setzte auf professionelle Strukturen, unter anderem „Zukunftswerkstätten“. Dabei wurden Probleme benannt, Visionen entwickelt und schließlich die Machbarkeit geprüft. Trotz der Bemühungen bleibt die Skepsis groß: Viele Anwohner fühlen sich grundsätzlich nicht gehört oder fürchten, dass nur eine bestimmte „grüne“ Perspektive zählt.

Soziologe Ortwin Renn bestätigt, dass dieses Gefühl der Machtlosigkeit oft aus frustrierenden Vorerfahrungen mit der Politik resultiert. Dass die Initiative dennoch 70 Teilnehmer im Prozess halten konnte, werten Beobachter als Erfolg.

Kein Konsens, aber ein Miteinander

Im Sommer 2025 übergab die Initiative ihre Empfehlungen an den Bezirksausschuss. Der Vorschlag einer „Wechselnutzung“ – die im Winter Parkplätze zulässt – soll den sozialen Frieden wahren, während der Platz langfristig transformiert wird.

Trotz gelegentlicher Kritik, dass nicht alle Stimmen gehört wurden, hat sich das zwischenmenschliche Klima gewandelt. „Wir grüßen uns auf der Straße“, sagt Mitgründerin Lisa Rathjen. Die Erkenntnis bleibt: In einer pluralistischen Gesellschaft geht es nicht darum, jeden zu überzeugen, sondern Lösungen zu finden, die für alle tolerierbar sind.