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Warum Flussvertiefungen gegen Niedrigwasser zum Scheitern verurteilt sind

Ein ausgetrockneter Flusslauf in einer sommerlichen Landschaft. Aktuelle News

Tiefere Fahrrinnen lösen das Problem schwindender Wasserressourcen nicht.

Niedrigwasser lässt sich nicht wegbaggern

Wenn im Sommer der Wasserstand sinkt, scheint die Lösung trivial: Wir graben die Flüsse einfach tiefer, damit die Schifffahrt nicht zum Erliegen kommt. Doch Experten warnen eindringlich: Dieser Ansatz ist nicht nur kurzsichtig, sondern kontraproduktiv.

Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) stellen klar, dass eine systematische Vertiefung den Wassermangel keineswegs beseitigt. „Wir müssen uns stärker an das vorhandene Wasserdargebot anpassen, statt die Flüsse immer weiter an unsere Nutzungsansprüche anzupassen“, erklärt IGB-Forscher Christian Wolter. „Wir können Niedrigwasser nicht einfach wegplanen oder wegbaggern.“

Das Problem hausgemachter Abflussgeschwindigkeit

Die Ursache der Misere liegt in der Historie. Seit dem 19. Jahrhundert wurden zahlreiche deutsche Flüsse begradigt und befestigt. Diese Eingriffe haben die Fließwege im Schnitt um rund 20 Prozent verkürzt. Die Folge: Wasser rauscht deutlich schneller ab.

Durch die befestigten Ufer fehlt dem Fluss der Raum, sich auszubreiten. Viele Flusssohlen haben sich in der Folge um mehrere Meter eingetieft, was bei Niedrigwasser dazu führt, dass auch die umliegenden Landschaften zusätzlich entwässert werden. Natürliche Speicher wie Moore, Auen und Feuchtgebiete – die in Trockenphasen essenziell wären – sind vielerorts verschwunden.

Umdenken beim Wassermanagement

Die Verteilung der Niederschläge verschiebt sich zunehmend: Mehr Regen fällt im Winter, während die Sommer trockener werden. Um dem entgegenzuwirken, muss Wasser länger in der Landschaft gehalten werden, statt es durch Entwässerungsgräben und begradigte Läufe schnellstmöglich abzuführen.

Warum Flussvertiefungen gegen Niedrigwasser zum Scheitern verurteilt sind

Die Strategie der Zukunft sollte laut IGB lauten:

  • Revitalisierung von Auen und Feuchtgebieten.
  • Zulassen natürlicher Mäander in Oberläufen.
  • Stärkere Beschattung der Ufer, um die Wassertemperatur und damit den Sauerstoffverlust zu begrenzen.

Ökologischer Notstand

Der ökologische Zustand der Gewässer ist alarmierend. Laut einem Policy Brief des IGB erreicht kaum ein Fließgewässer einen guten ökologischen Zustand. Bei den Bundeswasserstraßen erfüllen diesen Anspruch gar keine Gewässer. Zudem hinkt die Umsetzung hydromorphologischer Verbesserungen massiv hinterher; bei 60 Prozent der Wasserkörper war der Prozess bereits 2020 ins Stocken geraten.

Dabei erfüllt ein intakter Fluss wichtige Funktionen: Auen dienen als natürliche Puffer, die bei Starkregen Wasser aufnehmen und den Abfluss verzögern, gleichzeitig die Grundwasserneubildung fördern und Lebensraum für Arten bieten.

Die Schifffahrt muss sich anpassen

Das IGB plädiert für einen Paradigmenwechsel in der Logistik. Anstatt Flüsse mit großem ökologischen Schaden auf große Schiffe auszurichten, sollte die Wirtschaft auf Schiffe mit geringerem Tiefgang setzen. Letztlich müssen die Transportmittel an die Gegebenheiten der Natur angepasst werden – und nicht umgekehrt.