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Albträume durch Tabletten: Wie Betablocker und Schmerzmittel den Schlaf stören

Mann nimmt eine Tablette ein Aktuelle News

Ein Mann nimmt eine Tablette mit Wasser ein.

Plötzliches Fallen ins Bodenlose oder eine Verfolgungsjagd im Dunkeln: Wer mitten in der Nacht schweißgebadet und mit Herzrasen aufwacht, vermutet die Ursache meist in Alltagsstress oder einem schweren Abendessen. Doch der Auslöser kann auch im Apothekenschrank liegen.

Selbst frei verkäufliche Schmerzmittel und routinemäßig verordnete Herz-Kreislauf-Präparate stehen im Verdacht, die Schlafarchitektur empfindlich zu stören. Internist und Notfallmediziner Dr. Christoph Nitsche weist darauf hin, dass bestimmte Wirkstoffe direkte biochemische Prozesse im Gehirn manipulieren.

Mann nimmt eine Tablette ein
Mann nimmt eine Tablette ein

Betablocker drosseln das Schlafhormon Melatonin

Bereits 1995 erfasste das arznei-telegramm im Rahmen seines Netzwerks 51 dokumentierte Fallberichte über arzneimittelbedingte Albträume. Neben Antibiotika zählten Betablocker dabei zu den am häufigsten gemeldeten Verursachern.

Der biologische Mechanismus setzt in der Zirbeldrüse des Zwischenhirns an. Normalerweise stimuliert der Botenstoff Noradrenalin nachts die Beta-1-Rezeptoren der Pinealozyten, um Serotonin in das Schlafhormon Melatonin umzuwandeln. Betablocker blockieren genau diese Rezeptoren, wodurch der nächtliche Melatoninspiegel sinkt und Einschlafprozesse verzögert werden.

Zudem binden unselektive Wirkstoffe wie Propranolol, Metoprolol oder Pindolol an Beta-2-Rezeptoren, was mit einer Zunahme lebhafter Träume korreliert. Präparate wie Atenolol überwinden die Blut-Hirn-Schranke hingegen schlechter und lösen solche Nebenwirkungen seltener aus.

Schmerzmittel: Ibuprofen greift in die Tiefschlafphase ein

Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen beeinflussen die Schlafarchitektur über mehrere Pfade gleichzeitig. Sie hemmen die Bildung von schlafregulierenden Prostaglandinen, senken die Körperkerntemperatur und dämpfen die Melatoninsynthese.

Laut Daten der Initiative Evidence for Self-Medication treten Schlafprobleme durch Ibuprofen bei weniger als einem Prozent der Patienten auf, wie Untersuchungen mit über 500 Probanden zeigten. Bei empfindlichen Personen reicht diese Störung jedoch aus, um den physisch erholsamen Tiefschlaf zu destabilisieren.

Antibiotika und antivirale Wirkstoffe unter Beobachtung

Gyrasehemmer wie Ciprofloxacin oder Levofloxacin dringen rasch ins zentrale Nervensystem vor und können dort Reizungen verursachen. Wegen potenzieller neurologischer und psychiatrischer Begleiterscheinungen hat die europäische Arzneimittelbehörde EMA die Warnhinweise für diese Antibiotikaklasse mehrfach verschärft.

Auch das gegen Herpes-Infektionen eingesetzte Virostatikum Aciclovir führt laut Fallberichten vereinzelt zu intensiven oder beängstigenden Traumbildern, wenngleich der exakte neurologische Wirkmechanismus hierbei noch nicht vollständig geklärt ist.

Verdacht auf Arzneimittel-Nebenwirkung: Das sollten Betroffene tun

Verordnete Präparate – insbesondere Blutdruck- oder Herzmedikamente – dürfen keinesfalls eigenmächtig abgesetzt werden. Ein abruptes Beenden der Einnahme birgt erhebliche gesundheitliche Risiken.

Mediziner empfehlen stattdessen, über einen Zeitraum von ein bis zwei Wochen ein detailliertes Schlaftagebuch zu führen. Darin werden Schlaf- und Aufwachzeiten, nächtliche Wachphasen sowie Einnahmezeitpunkte aller Medikamente notiert.

In Absprache mit dem behandelnden Arzt lässt sich das Problem oft schon durch das Vorziehen oder Verschieben der Einnahmezeit lösen. Reicht dies nicht aus, kommt eine Umstellung auf einen alternativen Wirkstoff innerhalb derselben Medikamentengruppe infrage.