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Deutschland droht leere Gasspeicher: Warum das 80-Prozent-Ziel kaum noch zu erreichen ist

Blick auf eine großflächige Anlage zur Gasspeicherung mit verschiedenen Rohrsystemen und Tanks. Aktuelle News

Die Gasspeicher in Deutschland müssen bis November die 80-Prozent-Marke erreichen.

Bis zum 1. November müssen die deutschen Gasspeicher einen Füllstand von 80 Prozent erreichen. So sieht es das Gesetz vor, um die Versorgungssicherheit für den kommenden Winter zu garantieren. Doch die Realität zeichnet ein anderes Bild: Die Speicher sind aktuell nur zur Hälfte gefüllt.

Ein physikalisches Limit

Die Energiewirtschaft schlägt Alarm. Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), hält das Erreichen der gesetzlichen Marke für zunehmend unrealistisch. „80 Prozent ist eine absolut hohe Zahl, wenn wir heute bei 50 Prozent sind. Das ist irgendwann physikalisch nicht mehr möglich“, erklärte sie gegenüber dem Deutschlandfunk.

Zwar werde trotz hoher Marktpreise weiter eingespeichert, doch der Prozess verläuft schleppend. Andreae warnt: Die Vorgaben seien zwar formal noch erreichbar, doch der Spielraum werde „immer enger“.

Gestörte Marktmechanismen

Das Hauptproblem liegt im versagenden Marktmechanismus. Üblicherweise kaufen Händler Gas im Sommer günstig ein, um es für den teureren Winter einzulagern. Dieser „Sommer-Winter-Spread“ existiert derzeit kaum.

„Im Moment funktioniert dieser Mechanismus nicht, weil wir insbesondere durch den Krieg im Iran eine Preisentwicklung sehen, die diesen Spread nicht ermöglicht“, so Andreae. Für Unternehmen sei es wirtschaftlich derzeit kaum vertretbar, Gas einzulagern, da dies mit dauerhaften Verlusten verbunden wäre.

Der Verband fordert deshalb steuerliche Entlastungen und Anpassungen bei Umlagen, um die Einspeicherung attraktiver zu gestalten. Ziel müsse es sein, das Gas so lange wie möglich in den Speichern zu belassen.

Deutschland droht leere Gasspeicher: Warum das 80-Prozent-Ziel kaum noch zu erreichen ist


Eine industrielle Anlage zur Speicherung und Verteilung von Erdgas.

Die Gefahr eines harten Winters

Energieökonom Andreas Schröder vom Analysehaus ICIS warnt vor einer „bedrohlichen Situation“. Sollte der Winter kalt ausfallen, reiche das vorhandene Flüssiggas (LNG) nicht aus, um den hohen Verbrauch zu decken. „In den kritischen Wintertagen, an den wirklich kalten Tagen, reicht Flüssiggas nicht aus, um den Verbrauch zu decken“, betonte Schröder in den ARD-tagesthemen.

Das Bundeswirtschaftsministerium verweist hingegen auf die diversifizierte Beschaffung. Knapp die Hälfte des Gasbedarfs wird aktuell aus Norwegen gedeckt, ergänzt durch Importe aus Frankreich, Belgien und LNG-Lieferungen aus den USA. Dennoch bleiben die Speicher als „systemkritisch“ für die Versorgungssicherheit eingestuft.

Politische Forderungen

Die Politik steht unter Druck. Ines Schwerdtner, Parteichefin der Linken, forderte ein staatliches Eingreifen. Der staatliche Gashändler Sefe müsse angewiesen werden, die Speicher unabhängig von der aktuellen Unwirtschaftlichkeit zu füllen. Die Finanzierung dieser Maßnahme solle laut Schwerdtner durch eine Abschöpfung der hohen Profite der Mineralölkonzerne erfolgen.

Trotz der angespannten Lage betont BDEW-Chefin Andreae, dass die Situation nicht direkt mit der Gaskrise von 2022 vergleichbar sei. Durch die neu errichteten LNG-Terminals verfüge Deutschland heute über eine zweite Versorgungssäule, die damals noch nicht existierte.