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Russlands Kriegsbuchhaltung: Wenn gefallene Soldaten zu Deserteuren werden

Russischer Soldat mit einer Drohne im Einsatzgebiet. Aktuelle News

Ein russischer Soldat hantiert mit einer Drohne im Kampfgebiet.

Finanzielle Kalkulation statt Transparenz

Russische Soldaten, die im Krieg gegen die Ukraine verschollen sind oder als gefallen gelten, werden zunehmend als „unerlaubt abwesend“ eingestuft. Hinter dieser bürokratischen Einstufung steht ein massives finanzielles Interesse des russischen Staates.

Berichten von „Radio Free Europe/Radio Liberty“ zufolge gibt es Hinweise darauf, dass das russische Verteidigungsministerium den Status Vermisster bewusst als Fahnenflucht deklariert. Ein Menschenrechtsaktivist schätzt, dass in etwa 95 Prozent der ihm bekannten Fälle klare Anzeichen für den Tod, eine Verwundung oder die Gefangenschaft des Soldaten vorliegen.

Einsparpotenzial in Millionenhöhe

Die offizielle Anerkennung eines gefallenen Soldaten ist für den Kreml kostspielig. Die Hinterbliebenen haben Anspruch auf Zahlungen von insgesamt 14,2 Millionen Rubel – eine Summe, die sich aus staatlichen Pauschalen sowie regionalen Unterstützungsleistungen zusammensetzt.

Wird ein Soldat hingegen als Deserteur geführt, entfallen diese Zahlungen ebenso wie der Sold selbst. Zudem verlieren die Familien Ansprüche auf weitere soziale Vergünstigungen. Berechnungen legen nahe, dass der Staat auf diese Weise bis zu 13 Millionen Rubel pro Fall einspart.

Der zermürbende Kampf um Wahrheit

Für Angehörige bedeutet die Einstufung als Deserteur den Beginn eines jahrelangen Rechtsstreits gegen das Militär. Sie müssen mühsam Beweise sammeln – etwa durch Nachrichtenverläufe, Fotos oder Aussagen von Kameraden –, um den eigentlichen Status des Soldaten zu belegen.

Russlands Kriegsbuchhaltung: Wenn gefallene Soldaten zu Deserteuren werden

Das Portal „Meduza“ berichtet von Fällen wie dem einer Mutter aus Sibirien. Ihr Sohn meldete sich zuletzt im Juli 2025 aus dem Kampfeinsatz und berichtete von einer leichten Verletzung durch eine Drohne. Nur drei Tage später wurde er offiziell als fahnenflüchtig geführt. Von seinem Verbleib fehlt bis heute jede Spur.

Desertion als reales Phänomen

Während die Behörden das Schicksal Vermisster manipulieren, wächst die tatsächliche Desertionsrate in der russischen Armee. Seit Mai des Vorjahres wurden laut „Meduza“ mindestens 28.000 Soldaten wegen des Verlassens ihrer Posten verurteilt. Ukrainische Analysten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer aufgrund des enormen Drucks an der Front doppelt so hoch liegen könnte.

Der Kreml steht unter Zugzwang: Um die hohen Verluste auszugleichen, sollen in diesem Jahr über 400.000 neue Soldaten rekrutiert werden. Eine offizielle Mobilmachung wird weiterhin vermieden, während die Armee verstärkt auf finanzielle Anreize und direkten Druck bei der Rekrutierung setzt.