Sind Mittelkinder die besseren Menschen? Eine wissenschaftliche Analyse
Psychologie & Balance
Wissenschaftler untersuchen, wie die Geburtenreihenfolge die Persönlichkeitsentwicklung beeinflusst.
Jedes Jahr am 12. August rückt ein besonderes Familienmitglied in den Fokus: das Mittelkind. Eine wissenschaftliche Untersuchung wirft nun ein neues Licht auf die Persönlichkeit dieser Kinder und legt nahe, dass sie in puncto Kooperation, Ehrlichkeit und Empathie oft die Nase vorn haben.
Die Studie, geleitet von Michael Ashton und Kibeom Lee von den Universitäten Brock und Calgary, wurde in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht. Für ihre Analyse werteten die Forscher Daten von über 710.000 Profilen aus, die auf dem HEXACO-Persönlichkeitsinventar basieren.
Warum das „Mittlere“ den Charakter prägt
Die Ergebnisse, die auch über das Portal Live Science verbreitet wurden, zeigen klare Tendenzen: Kinder, die zwischen einem älteren und einem jüngeren Geschwisterteil aufwachsen, erzielen höhere Werte bei den Faktoren Ehrlichkeit-Demut und Verträglichkeit.
Die Forscher führen dies auf die spezifische Familiendynamik zurück. Wer als Mittelkind aufwächst, muss permanent mit Geschwistern verhandeln, Kompromisse finden und kooperieren. Dies fördert laut den Autoren eine stärkere Abneigung gegen Manipulation und eine höhere Bereitschaft zum Vergeben.

Die Darstellung von Kindern, die oft als Mediatoren oder Schlichter in der Familie agieren.
Die wichtigsten Erkenntnisse der Studie im Überblick:
- Höhere Punktzahlen bei Ehrlichkeit, Demut und Verträglichkeit.
- Geringeres Interesse an Luxusgütern oder materiellen Vorteilen.
- Ausgeprägte Neigung zur Kooperation im familiären und sozialen Kontext.
- Ein positiver Zusammenhang zwischen der Größe der Familie und dem kooperativen Verhalten.
- Ein Einflussfaktor, der teilweise durch den religiösen Hintergrund in großen Familien verstärkt wird.
Wissenschaftliche Einordnung
Obwohl diese Studie wichtige Anhaltspunkte liefert, bleibt das Forschungsfeld der Geburtenreihenfolge komplex. Die psychologische Fachwelt ist sich keineswegs einig; während einige Arbeiten deutliche Unterschiede belegen, fanden andere Studien nur minimale oder gar keine Korrelationen zwischen der Position in der Geschwisterfolge und dem Charakter.
Die häufige Kooperation innerhalb der Geschwisterkonstellation könnte die Persönlichkeitsentwicklung langfristig beeinflussen.
Die Autoren der Studie betonen selbst, dass weitere Analysen notwendig sind, um festzustellen, inwieweit diese Muster kulturübergreifend stabil bleiben. Dennoch bietet die enorme Datenmenge der Untersuchung eine frische Perspektive auf eine Debatte, die Psychologen seit Jahrzehnten beschäftigt.


