Zum Inhalt springen
On Air Festival

Die Wahrheit über Karotten: Warum die Gemüse-Lüge im Zweiten Weltkrieg erfunden wurde

Frische Karotten mit grünem Kraut auf einem Holztisch Aktuelle News

Der Mythos, dass Karotten die Sehkraft verbessern, hält sich seit über 80 Jahren hartnäckig in der Bevölkerung.

„Iss deine Karotten, dann bekommst du gute Augen.“ Dieser Spruch gehört zum Standardrepertoire am Esstisch. Doch die Behauptung ist ein historischer Bluff.

Die Geschichte der vermeintlichen Superkräfte der Karotte beginnt nicht im Labor, sondern in den Wirren des Zweiten Weltkriegs.

Ein militärisches Täuschungsmanöver

Im Jahr 1940 gelang der britischen Luftwaffe ein entscheidender technologischer Durchbruch. Mit dem neuen Bordradar konnten Piloten feindliche Bomber erstmals bei völliger Dunkelheit orten und abfangen.

Besonders erfolgreich war Squadron Leader John Cunningham. Der als „Cat’s Eyes“ bekannte Pilot erzielte 19 seiner 20 Abschüsse bei Nacht.

Um das geheime Radar vor den deutschen Geheimdiensten zu verbergen, streute das britische Luftfahrtministerium eine erfundene Erfolgsformel. Cunninghams Treffsicherheit wurde offiziell auf seinen enormen Karottenkonsum zurückgeführt.

Die Kampagne war ein Meisterwerk der Propaganda. Mit Zeitungsartikeln, Plakaten und dem Cartoon-Maskottchen „Doctor Carrot“ wurde die Bevölkerung manipuliert. Gleichzeitig sollte der Gemüseanbau in Zeiten strenger Lebensmittelrationierung gefördert werden.

Die echte Wissenschaft hinter dem Mythos

Ganz ohne wissenschaftliches Fundament hätte die Legende jedoch nicht funktioniert. Karotten enthalten tatsächlich große Mengen an Beta-Carotin.

Der Körper wandelt diesen Stoff in Vitamin A um. Dieses Vitamin ist ein essenzieller Baustein für Rhodopsin, das Sehpigment der Netzhaut, welches unser Sehen in der Dämmerung ermöglicht.

Fehlt Vitamin A, droht Nachtblindheit. In extremen Fällen kommt es zu irreparablen Augenschäden.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden weltweit etwa 190 Millionen Vorschulkinder an einem Vitamin-A-Mangel. Vor allem in einkommensschwachen Regionen Asiens und Afrikas erblinden dadurch jährlich mehrere hunderttausend Kinder dauerhaft.

Warum mehr Karotten nicht schärferes Sehen bringen

Ein Mangel schadet den Augen extrem. Das bedeutet aber im Umkehrschluss nicht, dass ein Überfluss die Sehkraft in den Bereich von Superhelden steigert.

Die Wahrheit über Karotten: Warum die Gemüse-Lüge im Zweiten Weltkrieg erfunden wurde

In Mitteleuropa sind die meisten Menschen ausreichend mit Vitamin A versorgt. Wer sein Soll erfüllt hat, wird durch den Verzehr weiterer Karotten nicht plötzlich schärfer sehen.

Der Körper reguliert die Umwandlung von Beta-Carotin in Vitamin A streng. Das Enzym BCO1 drosselt den Prozess automatisch, sobald der tägliche Bedarf gedeckt ist.

Wer Unmengen an Karotten isst, riskiert höchstens eine harmlose Gelbfärbung der Haut, die sogenannte Karotinämie. Eine echte Vitamin-A-Vergiftung ist durch das Gemüse ausgeschlossen.

Diese toxische Gefahr besteht nur bei tierischem, vorgeformtem Vitamin A, etwa beim übermäßigen Verzehr von Leber.

Der Trick mit dem Fett

Vitamin A gehört wie die Vitamine D, E und K zu den fettlöslichen Vitaminen. Gesunde Erwachsene speichern es überwiegend in der Leber, wobei die Reserven oft für Monate oder gar über ein Jahr ausreichen.

Wer von den gesunden Inhaltsstoffen der Karotte profitieren will, muss bei der Zubereitung aufpassen. Aus rohen, groben Stücken nimmt der Körper kaum Beta-Carotin auf.

Hitze und Zerkleinerung brechen die pflanzlichen Zellwände auf. Gekochte oder fein geriebene Karotten machen den Farbstoff für den Stoffwechsel zugänglich.

Da Beta-Carotin fettlöslich ist, benötigt der Körper Fett als Transportmittel. Ein Schuss Öl im Salat oder etwas Butter beim Dünsten steigert die Bioverfügbarkeit massiv.

Expertenwissen ohne Dogmen

Der evidenzbasierte Ernährungswissenschaftler Uwe Knop räumt in seiner Arbeit regelmäßig mit Ernährungs-Mythen wie der Karotten-Lüge auf. Er plädiert für selbstbestimmte und fundierte Entscheidungen beim Essen.

Sein Buch „Endlich richtig essen: Mit gutem Gewissen ehrlich genießen – Vertraue auf Deine Ethik & Intuition“ liefert weitere fundierte Orientierung im Dschungel der Diät-Trends.