Vom Mythos zur Dürre-Realität: Wenn der „Hungerstein“ die Donau austrocknet
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Der historische „Hungerstein“ ragt bei Niedrigwasser aus dem Flussbett der Donau.
Über Jahrhunderte galt der Fels als unheilvolles Omen. Wenn er unter dem Gellértberg in Budapest aus dem Wasser der Donau auftauchte, bedeutete dies: Der Flusspegel war so niedrig, dass keine Mühlen mehr arbeiten konnten und der Hunger drohte. Man nannte ihn Ínség-szikla – den „Hungerstein“.
Heute ist dieser Fels nicht nur sichtbar; er ruht inmitten eines nahezu vollständig freigelegten Flussbettes. Wissenschaftler beobachten mit Sorge, wie die Donau – die Lebensader für zehn Länder – an ihre Grenzen stößt. Ungarn steht infolge der Dürre vor einer beispiellosen Energiekrise, die bereits zur Abschaltung von Donau-gekühlten Kernreaktoren geführt hat.
Verheerende Ernteausfälle
Péter Magyar, der ungarische Premierminister, warnt vor massiven wirtschaftlichen Schäden, die selbst die Dürrekatastrophe von 2022 übertreffen könnten. In Pócsmegyer, einem Dorf im Komitat Pest, sind die Folgen für Landwirte wie István Somogyi existenziell.
Landwirt István Somogyi auf seinem verdorrten Feld in Pócsmegyer.
„Ich habe fast 50 Prozent meiner Ernte verloren, es könnten bis zu 70 Prozent werden“, sagt der 56-Jährige. „Alles ist vertrocknet. Seit ich dieses Land nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft bewirtschafte, habe ich eine solche Katastrophe nie erlebt.“
Ein vom Hitzestress gezeichneter Maispflanze.
Szentendre: Wenn der Fluss zum Pfad wird
In Szentendre, einer Stadt für Künstler, haben die Extremtemperaturen von bis zu 42 Grad Celsius das Flussbett in eine rissige Tonwüste verwandelt. An einigen Stellen kann man durch den Fluss waten, wobei das Wasser kaum die Knöchel bedeckt. Das Baden ist aufgrund der Gefahr versteckter Strömungen und tiefer Becken offiziell untersagt.
Extremer Niedrigwasserstand der Donau nahe Szentendre.
Die Wasserknappheit betrifft auch die Trinkwasserversorgung. József Gulyás, der stellvertretende Bürgermeister, berichtet von 4.000 bis 5.000 betroffenen Haushalten. „Wir haben 25 Tonnen Wasser verteilt und täglich bis zu 100 Notrufe erhalten“, so Gulyás.

Vorratslager für Trinkwasser zur Verteilung an die Bevölkerung in Szentendre.
Budapest: Relikte der Geschichte
In Budapest ist der Pegel auf einen historischen Tiefstand von 14 bis 19 cm gefallen. Das Sinken des Wasserspiegels hat die Überreste von Wracks, Brücken und sogar unexplodierten Bomben freigelegt. Gábor Kürti, Präsident des ungarischen Radfahrerclubs, nutzte die Situation für ein drastisches Zeichen: Er fuhr 30 Kilometer mit dem Fahrrad durch das ausgetrocknete Flussbett.
Ein Mann inspiziert die freigelegten Felsformationen im Flussbett.
„Ich wollte zeigen, dass wir aufgrund des Klimanotstands buchstäblich den Boden erreicht haben“, erklärte Kürti. „Es war herzzerreißend. Wo ich als Kind schwamm, kann ich jetzt Fahrrad fahren.“
Überreste einer zerstörten Brücke, die bei Niedrigwasser zum Vorschein kamen.
Gábor Kürti bei seiner Fahrt durch das ausgetrocknete Flussbett.
Eine ungewisse Zukunft
Auch die Region Paks, Standort des dortigen Kernkraftwerks, kämpft. Arbeiter versuchen händeringend, das öffentliche Grün am Leben zu erhalten, während Anwohner wie Géza Orsós Renáta unter der Wasserkrise leiden. Ohne Anschluss an die öffentliche Leitung ist sie auf die Hilfe von Nachbarn angewiesen.
Ein kleiner, flacher Wasserlauf inmitten des ausgetrockneten Flussbettes bei Nagytétény.
Luftaufnahme des niedrigen Wasserstands nahe Paks.
Szilvia Farkas, die in Paks für die Bewässerung von Grünflächen zuständig ist.
Die Hoffnung der Einheimischen, dass der Hungerstein bald wieder unter den Wassermassen verschwindet, bleibt bestehen. Doch Landwirte wie Somogyi haben wenig Illusionen: Die Dürre ist kein einmaliges Ereignis mehr, sondern ein Trend.










